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Ein Artikel aus der Episode #1Zukunft

Wie sieht das Büro im Jahr 2030 aus?

Das Hafenhaus in Antwerpen deutet in die Zukunft.

Tilo Bonow ist erfolgreicher Unternehmer, stolzer Besitzer eines brandneuen Büros und digitaler Pionier. Katinka Magnussen gestaltet moderne Arbeitswelten und ist ein Gesicht der deutschen New-Work-Bewegung. Ein Interview mit zwei Perspektiven für die Zukunft der Arbeitswelt.

von Hannes Hilbrecht

inperspective: Unsere Arbeitswelt verändert sich gerade rasant. Die erste Generation, die mit dem Smartphone aufwuchs, drängt auf den Arbeitsmarkt. Die Digitalisierung entschlackt in den ersten Unternehmen die Bürokratie. Wie sieht in eurer Vorstellung der Arbeitsplatz, also das, was wir heute Büro nennen, im Jahr 2030 aus?

Katinka Magnussen: Ironischerweise befand ich mich vor wenigen Wochen auf einer zehntägigen Offline-Reise. Kein Smartphone, kein Laptop, kein Telefon für ganze zehn Tage. Der Impuls, diese Reise zu machen, resultierte aus einem beklemmenden Gefühl. Ich spüre, dass die Digitalisierung mit allen Möglichkeiten zur Effizienzsteigerung bei mir dazu führt, dass ich 24 Stunden und sieben Tage die Woche von Handy und anderen technischen Geräten absorbiert werde. Dabei arbeite ich sehr mit dem Kopf. Erst jetzt realisiere ich, wie weit ich mich von meinem Bauchgefühl, meiner Intuition und mir selbst entfernt habe. 

Ich glaube, dass die Vielfalt an Kommunikationskanälen nicht automatisch zu mehr persönlichem Austausch führt. Wir verlernen durch die Benutzung von Devices auf zwischenmenschlicher Ebene zu kommunizieren und verlieren den Bezug zu uns selbst. 

So sehr ich eine Verschmelzung von Beruf und Privatleben befürworte, so sehe ich bei der nächsten Generation das Bedürfnis nach klarer Trennung zwischen Berufs- und Privatleben. Hat "Work-Life-Blending", das Verschmelzen von Job und Freizeit, für die Generation Y noch bestens funktioniert, versagt es bei der Generation Z. 

Und ich frage mich: Wie soll sich Arbeit anfühlen?

Je digitaler die Welt wird, desto höher wird in meinen Augen das Bedürfnis nach "Cozyness", Spiritualität und einem "vernetzt sein" innerhalb der Gemeinschaft.

Ein Büro sollte nicht nur die verschiedenen Bedürfnisse von allen dort arbeitenden Individuen sehr klar voneinander differenzieren und gezielt ansprechen. Es muss auch eine perfekt sortierte, transparente Tool-Landschaft anbieten. Die Themen Ernährung, Bewegung und Gesundheit müssen wir noch sehr viel intensiver in den Arbeitsalltag integrieren.

Katinka Magnussen arbeitet für Blackboat und gestaltet neue Arbeitswelten.

Tilo Bonow: Welche Funktion und welchen Sinn hat eigentlich ein Büro? Das ist zwar von Branche zu Branche sowie von Unternehmen zu Unternehmen unterschiedlich, aber letztendlich ist das Büro ein Ort der Zusammenarbeit und Kommunikation. Besonders wenn wir von sogenannten Geistkapitalunternehmen wie Agenturen, Kanzleien oder Steuerberatungen sprechen. Theoretisch könnten wir all diese Tätigkeiten ortsunabhängig ausführen – neudeutsch "remote". Wozu brauchen wir überhaupt noch ein Büro im Jahr 2030? Meetings werden in Zukunft vielleicht in virtueller Realität abgehalten und Kollegen erscheinen in 3D im Konferenzraum. Die physische Anwesenheit wird in Zukunft nicht mehr nötig sein.

Mit diesen Zukunftsaussichten stellt sich nun wieder die Frage: Wozu sollte man dann noch ins Büro gehen? Hier übernimmt das Büro eine soziale Funktion. Es fördert Austausch, Kommunikation und das menschliche Miteinander. Im beruflichen Alltag brauchen wir diese Interaktionen, um neue Ideen voranzutreiben und als Team zusammenzuwachsen. Das Büro wird im Jahr 2030 noch existieren. Wenn auch unter der Prämisse, dass Mitarbeiter immer mehr Freiheit haben, remote zu arbeiten.

Und was bedeutet eigentlich Führung im digitalen Zeitalter? Wenn ich die Menschen nicht mehr physisch vor mir sehe, sondern mich vielleicht nur noch zu ganz konkreten Zeiten und zu konkreten Meetings in den virtuellen Raum schalte? Wie bewerte ich Mitarbeiter, wenn ich sie nicht den ganzen Tag um mich habe, weil sie einen Großteil der Zeit woanders arbeiten? Beim Thema Vertrauen werden ganz andere Anforderungen an die Führung und an die Unternehmenskultur gestellt. Wir stehen noch vor vielen offenen Fragen, auf die es keine pauschalen Antworten gibt. Aber ich trete der Zukunft positiv entgegen. Ich bin davon überzeugt, dass die Digitalisierung im Büro deutlich mehr Positives als Negatives bewirken wird.

Tilo Bonow jettet durch die Welt und ist selten am eigenen Schreibtisch. Das Büro ist dem Digital-Pionier trotzdem wichtig.

inperspective: Computer sind schmaler geworden, die Bildschirme flacher, Drucker und Scanner, früher mal der neueste Schrei, sind aus manchen Büros schon verschwunden. Wie werden sich die Hardware-Klassiker wie Tische, Bürostühle und Regalsysteme in der Zukunft verändern?

Katinka: Wir wissen heute, dass nicht nur Tische und Stühle, sondern dass der ganze Raum unsere Gedanken und Gefühle beeinflusst – zu Hause, bei der Arbeit oder unterwegs. Einige Hersteller verstehen es sehr gut, auf die Bedürfnisse der Menschen einzugehen und die entscheidenden Fragen zu challengen: "Welchen Beitrag leistet ihr Büroraum zum Erfolg des Unternehmens?" Ein Bürokonzept erfordert heute mehr als die Verteilung von Stühlen und Tischen. 

Außerdem passt die klassische Büroarbeit gar nicht zu unserer natürlichen Haltung. Der Körper ist nicht dazu gemacht, über lange Zeit auf Stühlen zu sitzen. Wenn ich könnte, würde ich den ganzen Tag auf dem Boden oder beim Laufen arbeiten. Ich habe das Gefühl, dass das meinem Körper mehr entspräche. Inspiriert haben mich dazu meine Kinder, die immer auf oder unter den Tischen spielen und malen. Diese zwanglose Kreativität ist großartig. Wir müssen den Raum wieder zu einem Ort machen, der die menschlichen Fähigkeiten erweitert – so wie es Kinder uns vormachen. 

Nun werden sich Stühle und Tische wahrscheinlich nie ganz aus dem Büroalltag wegdenken lassen. Ich würde mir aber wünschen, dass das Bewusstsein dafür geschärft wird, wie der Einzelne arbeiten möchte. Ob wir die Arbeit, die wir gerade klassischerweise am Tisch erledigen, auch anders erledigen könnten. Dann würde sich das Büro zu einem Lebens- und Arbeitsraum entwickeln, der Menschen eine Heimat und einem Unternehmen ein Gesicht gibt.

Wir müssen den Raum "Büro" wieder zu einem Ort machen, der die menschlichen Fähigkeiten erweitert.

Tilo: Wir verstehen die Zukunft interaktiv, modular und mit kluger Technologie ausgestattet. Wir haben zum Beispiel heute schon einen Tisch, der speziell für Videokonferenzen angefertigt wurde. Dieser ist trapezförmig geschnitten. So sind alle Beteiligten während eines Videocalls gleichmäßig gut zu sehen. Höhenverstellbare Schreibtische und intelligente Stühle, die sich automatisch demjenigen, der sich draufsetzt, anpassen, sind aktuelle Themen. Als Unternehmen sollte man nicht nur auf die Gesundheit der Mitarbeiter achten, sondern eben auch darauf, dass sie aktiv gefördert wird. Nehmen wir unsere Stühle als Beispiel: Angenommen, wir lesen eine Zeitschrift und lehnen uns nach vorne zur Schreibtischplatte. In diesem Moment setzt die unterstützende Funktion für den Rücken ein. Wie bei einem Sitzball.

Wir haben aber auch einen Raum gestaltet, indem überhaupt keine Stühle mehr stehen. Gearbeitet wird an einem Hochstehtisch. Wir wollen steife Sitzpositionen vermeiden. So entsteht gleichzeitig ein interaktiver Raum, in dem wir locker miteinander kommunizieren können.

Wir haben bei uns bewusst verschiedene Arbeitswelten geschaffen. Neben Steh- und Sitzmöglichkeiten gibt es auch Rückzugsorte, kommunikative und kreative Räume, aber auch feste Plätze für Leute, die mit sensiblen Daten umgehen. Und es gibt einen kleinen Coworking-Bereich, der als Treffpunkt für Kunden und Freelancer dient.

inperspective: Wie sehen eigentlich eure aktuellen Büros aus – welche Besonderheiten gibt es? Und warum brauchst ihr diese besonderen Tools/Gadgets?

Katinka: In unserem Beratungsunternehmen Blackboat leben wir eine "no office policy". Das wird oft missverstanden: Wir haben natürlich ein Büro und arbeiten von dort wie jedes andere Unternehmen auch. Für uns ist das Büro "nur" ein Tool wie bekannte Office-Programme oder Slack. Für mich ist die bewusste Nutzung des Kommunikationskanals entscheidend. Da wir firmenintern ausschließlich über Slack kommunizieren, braucht es für einen "ungeplanten Austausch mit Kollegen" nicht zwangsläufig das Büro. Es ist für mich aber in Sachen "zwischenmenschliche Begegnung" und "Community" unerlässlich. Dass wir täglich die Freiheit haben, zu entscheiden, von wo und wie wir arbeiten, betrachte ich als ein sehr großes Geschenk. 

Ein Grundsatz, damit das Arbeiten "von wo man möchte" auch funktioniert:  “Freiheit, ohne die Freiheit der anderen zu beschränken.” Ich kann also arbeiten, von wo ich will, solange ich dafür sorge, dass ich arbeitsfähig und erreichbar bin. Ich darf meine Kollegen bei Teamarbeiten nicht in ihrer Freiheit einschränken. 

Tilo: Zunächst einmal habe ich gar nicht mehr das klassische Chefbüro, wie man es von früher kennt. Mein Büro ist eher ein Ort für Begegnung und Kommunikation. Wenn ich nicht da bin, wird er genauso als Meetings-, Rückzugs- und Besprechungsraum genutzt.

Mein Schreibtisch ist höhenverstellbar, sodass ich im Stehen oder im Sitzen arbeite. Zusätzlich befindet sich in unseren Räumlichkeiten ein selbstfahrender Roboter. Mit diesem kann ich trotz physischer Abwesenheit durch das Büro fahren und mit meinen Mitarbeitern persönlicher kommunizieren.

Ich habe gar kein klassisches Chefbüro. Mein Büro ist eher ein Ort für Begegnung und Kommunikation.

In unserer Agentur PIABO pflegen wir eine "no paper policy". Das bedeutet, dass alle Kollegen jederzeit und ortsunabhängig auf alle nötigen Unterlagen zugreifen können. Durch diese vereinfachten digitalisierten Prozesse schonen wir nicht nur unsere Umwelt, sondern systematisieren auch unsere Arbeitsweise.

Der Blick in das Büro von PIABO am Berliner Gendarmenmarkt.

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