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Ein Artikel aus der Episode #19Schreibtische

Wie Kinder unsere Schreibtische sehen

Ein etwas älteres Kind steuerte das Titelbild der inperspective-Ausstellung bei.

Durch die Corona-Pandemie und den Wechsel vieler Mütter und Väter ins Homeoffice tauchen Kinder erstmals in die Arbeitswelten ihrer Eltern ein. Wie sie deren Tische und Arbeitsplätze wahrnehmen, haben uns sechs große und kleine Künstlerinnen aufgemalt. 

von Kevin Berg

Das Klicken des Schlosses ist unser Signal. Wir schleudern die Decken von unseren Körpern und wetzen ins Wohnzimmer. Sekunden später spiegeln sich flimmernde Bilder in unseren Augen.

Gemeinsam mit meinem Bruder vor der Schule fernzusehen, war früher mein Highlight des Tages. Ein morgendliches Ritual, das noch an Reiz gewann, da die Sorge, dass Mama zurück in die Wohnung kommen könnte, nie ganz verschwand. 

Heutzutage können Kinder nur davon träumen: Sturmfrei haben und dann in die Schule gehen (sic). Büros auf der ganzen Welt stehen leer und Kinderohren horchen vergeblich nach dem verräterischen Klicken einer sich schließenden Tür. Das Homeoffice ist nicht nur für Erwachsene eine besondere Situation. Auch die Kleinsten unter uns mussten sich an die dauerhafte Präsenz der Eltern und dem Fehlen des Freiraums Schule gewöhnen. Keine Chance, im Kinderzimmer legendäre Tore nachzuahmen oder trotz ausdrücklichen Verbots die Cornflakes am Schreibtisch zu löffeln. Aber wie nehmen Kinder das Büro ihrer Eltern wahr? Was fällt ihnen auf und welche Gegenstände bekommen besondere Beachtung? Sehen sie etwas, was wir nicht sehen? Wir haben sechs Kinder mit Bestechungsschokolade beauftragt, das Büro ihrer Eltern zu malen. 

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Fritzi, 9

Ganz schön geräumig und voller Details: das Büro von Fritzis Vater.

Unsere erste Künstlerin widmete ihr Kunstwerk dem kompletten Büro ihres Papas. Familienfotos und der Laptop auf dem Schreibtisch (mit angebissenem Apfel auf der Rückseite?) dürfen nicht fehlen. Das knallige Orange des Bürostuhls blieb anscheinend besonders im Gedächtnis. Genau wie die riesige Ideenwand ihres Papas, an der unzählige Post-its mit Ideen haften. Ob manche davon bei einem in die Ferne schweifenden Blick durch das Fenster hinter dem Schreibtisch entstanden sind?

Amelie, 8

Amelie ist Tochter eines Künstlers und scheint das Talent geerbt zu haben.

Amelie fing mit viel Verve eine farbenfrohe Homeoffice-Szene ein. Während der Papa an einem bemerkenswert großen Schreibtisch versucht, seine Kollegen zu verstehen, Dateien aufzuspüren oder fragt, ob jeder seinen geteilten Bildschirm sieht, erscheint das Prinzessinnenspielen deutlich reizvoller. Trotz des Stresses lässt sich der Papa seine gute Laune nicht vermiesen und hat mindestens genauso viel Spaß am Homeoffice, wie seine beiden Prinzessinnen. Die Frage bleibt: Rausgestreckte Zunge oder Vampirgesicht? Und warum hat der Papa so kurze Beine?

Mika, 8

Podcast Mikrofon und Lampe? Egal, ob gut abgehört oder belichtet, Mikas Mama hat gute Laune bei der Arbeit.

Bei Mika schafft es sogar die Mama aufs Bild. Und die hat richtig viel Spaß bei der Arbeit. Mit winkenden Armen und einem breiten Lächeln begrüßt sie ihre Kollegen im alltäglichen Videocall. Was für Arbeitnehmer weltweit zur Normalität geworden ist, scheint auch für Mika Alltag zu sein. In Erinnerung blieben ihm die dutzenden anonymen Köpfe, die er seit Beginn des Homeoffices auf Mamas Bildschirm erspähen konnte. Wobei: Vielleicht sind sie nach einem Jahr gar nicht mehr so anonym.

Jasper, 9

Scharfe Konturen, geniale Raumaufteilung: Dieser Künstler nimmt in ca. neun Jahren Anfragen für Architektenjobs entgegen.

In Jasper schlummert ein kleiner Künstler, vielleicht ein künftiger Architekt, der mit scharfgestellten Augen auch die kleinsten Homeoffice-Details bemerkt. Mit feinen Strichen porträtierte er detailverliebt Laptop, Headset oder den zweiten Bildschirm. Sogar das Smartphone blieb ihm nicht verborgen. Nach der Arbeit lädt das Sofa zum Verweilen ein. Wie gut, dass es nur wenige Schritte entfernt ist. Spannend zu sehen, wie Jasper das Homeoffice mit dem eigentlichen Freizeithabitat Wohnzimmer verzahnt. 

Miriam, 4 Jahre

Für die jüngste Zeichnerin der Runde ist das Homeoffice eine super Sache, denn es bietet mehr Zeit mit den Lieben.

Unsere jüngste Künstlerin sieht den elterlichen Arbeitsplatz gar nicht am Schreibtisch – sondern direkt unterm Himmelszelt. Für Miri bedeutet das Homeoffice: mehr Zeit mit Papa, Oma, Opa oder Mama. Die genießt sie am liebsten draußen beim Herumalbern. Der strahlend blaue Himmel und die ersten warmen Sonnenstrahlen locken regelrecht vor die Tür. Und selbst wenn er etwas blass geraten ist: Auch der Papa hat sichtlich Spaß. 

Franziska, Anfang 30

Franziska Schefe orchestriert normalerweise Social-Media-Kampagnen. Für inperspective stand sie jetzt an der Staffelei.

Franziska Schefe, eine Schweriner Social-Media-Expertin und Hobby-Malerin, stellte sich für inperspective an die Leinwand. Was sie mit dem Bild ausdrücken will? Sie hat es uns verraten:

"Ich wollte mit den Farben die unterschiedlichen Gefühle, Risiken, aber auch Vorteile des Homeoffices abbilden. Ganz schön viel für ein Bild, aber einen Versuch war es mir wert. Im Fokus des Bildes steht der blaue Schreibtisch - die Farbe steht für Intelligenz, Vertrauen und Ruhe - Dinge, die für unseren Job und die Situation im Homeoffice stehen können. Für den einen ist Ruhe wichtig, den anderen treibt sie in den Wahnsinn. Als Basis hat das Bild die Farbe Orange – was natürlich zu meinem Artbeitgeber passt, andererseits in der Farbenlehre für Kreativität und Enthusiasmus steht. Rot und Grün spiegeln für mich unterschiedliche Phasen des Arbeitstages wieder, die Herausforderungen und Chancen, die er verspricht."

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