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Ein Artikel aus der Episode #20Remote

Schrödingers Office

Glücklich, entspannt, krank oder gefrustet: Viele Unternehmen lassen ihre Mitarbeitenden im Homeoffice alleine, und wissen gar nicht, was vor dem Laptop passiert.

Arbeiten die Mitarbeitenden ergonomisch und unter einwandfreien Bedingungen, oder vegetieren sie unbedarft vor sich hin? Diese Frage können die wenigsten Unternehmen wirklich beantworten. Und genau das ist ein großes Problem. Warum auch Remote-Arbeitsplätze von Planer:innen und Architekt:innen mitgedacht werden sollten. Ein Plädoyer.

von Hannes Hilbrecht

Schrödingers Katze.

Über das populäre Gedankenexperiment des deutschen Physikers Erwin Schrödinger könnte man – wären sie bloß offen – in Mensen, Kneipen oder Hotelfoyers stundenlang schwadronieren. Wer nicht weiß, worum es geht: Das Portal “LEIFIphysik” erklärt das Hochkomplexe simpel:

"Eine Katze befindet sich in einer Kiste, gemeinsam mit einer geringen Menge radioaktiver Substanz. Diese ist so gewählt, dass es innerhalb einer Stunde gleich wahrscheinlich ist, ob eines der radioaktiven Atome zerfällt oder kein Zerfall stattfindet. Darüber hinaus befinden sich in der Kiste ein Detektor, ein Hammer und ein Gefäß mit einer giftigen Substanz. Sobald ein Atom nun seinen Zustand ändert, wird der Zerfall durch den Detektor registriert. Dadurch wird der Hammer bewegt, der daraufhin das Gefäß mit der giftigen Substanz zerstört. Die Katze stirbt.

Solange die Kiste verschlossen ist, ist von außen betrachtet jedoch nicht klar, ob das Atom zerfallen ist oder nicht. Es befindet sich in einem überlagerten Zustand. Doch gerade von dem Zerfall des Atoms hängt die "Lebendigkeit" der Katze in dem Gedankenexperiment ab. Solange die Kiste nicht geöffnet wird, befindet sich die Katze quasi auch in einem "Zwischenzustand". Sie ist zu 50% lebendig und zu 50% tot."

Geht es ihnen gut oder nicht?

So ähnlich verhält es sich auch mit Mitarbeitenden, die remote tätig sind, nur – hoffentlich – ohne Gift und radioaktive Substanzen in der Nähe des Arbeitsplatzes. Ihnen geht es entweder gut oder nicht; sie arbeiten entweder ergonomisch oder in desaströser Haltung. Unternehmen können das nur herausfinden, wenn sie nachsehen (und "nachhören") im Homeoffice. Aber tun sie das? Und wollen Mitarbeiter:innen überhaupt, dass die Chefs und Chefinnen an der Tür schellen, ganz real oder nur verbal nachfragend?

Vor einem Jahr, als es losging mit Shutdowns und einer neuen Einsamkeit, erkannte man die erste Welle des Wandels unserer Arbeitsgewohnheiten an den Wühltischen in Elektronikfachmärkten. Menschen balgten sich um Webcams. Monitore wurden herausgetragen wie sonst Bierkästen und Holzkohlesäcke zum Start der Grillsaison. Vor den Informationstischen der gestressten Kundenberater:innen versammelte sich eine Masken-verschleierte und gleichzeitig nervöse Meute. Viele Unternehmen hatten ihre Mitarbeitenden mit der Digitalisierung ihres Arbeitsplatzes alleine gelassen. Das Homeoffice war Bürgerpflicht, eine Frage der Eigenverantwortung.

Mehr Produktivität, mehr gesundheitliche Sorgen

Ein Jahr später zeigen sich die Errungenschaften und die Wunden dieser Zeit. Positiv ist: Manche Mitarbeitende und Arbeitgebende spüren und schwärmen über eine gesteigerte Produktivität. Die allermeisten – das offenbaren Studien – wünschen, dass das Homeoffice dauerhaft zum Arbeitsalltag gehört. Zumindest für ein, zwei Tage in der Woche. Mehr Zeit für die Familie, weniger Stress im Rushhour-Stau, keine Ablenkung durch redselige oder liedersummende Kolleg:innen.

Psycholog:innen und Orthopäd:innen halten dagegen und warnen eindringlich vor den Folgen der Remote-Arbeit. Denn die Anzahl derjenigen, die mit mentalen Druck, zunehmender Einsamkeit oder neuen körperlichen Gebrechen kämpfen, nimmt rapide zu. Ein Volk von ohnehin Rückenleidenden leidet noch mehr Rücken. Eine AOK-Studie wartet mit harten Zahlen auf.

Die Anzahl der Menschen mit …

… Rückenschmerzen stieg um 15,5 Prozent.

… Schulterproblemen stieg um 30 Prozent.

... Angststörungen stieg um 25,6 Prozent.

… Schlafproblemen (24,4 Prozent)

Medien aus Deutschland, Österreich und der Schweiz schreiben und sprechen bereits von Ländern der Stubenhocker. Die Menschen würden immer ungesünder, unglücklicher und übergewichtiger sein. Das scheint die Kehrseite der Homeoffice-Medaille.

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Aus den Augen, aus dem Sinn

Schuld daran sind nicht nur, aber auch die Unternehmen. Zwar haben diese in den vergangenen Jahren große Fortschritte beim Betrieblichen Gesundheitsmanagement und der Ergonomie erzielt, innovative Bürowelten erdenken lassen, Speisepläne herzfreundlicher gestaltet und höhenverstellbare Schreibtische angeschafft. Doch reichen die Arme dieser Werkzeuge nur in den seltensten Fällen bis ins Homeoffice der Mitarbeitenden. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Von Unternehmen, die modernes Equipment wie Stühle oder Tische in die Homeoffices ihrer Angestellt:innen karren, hört man weltweit wenig. Viele Wissensarbeiter:innen malochen in schlecht beleuchteten Abstellkammern. Oder an Tischen, die Lerhamn und Ekedalen heißen oder schlimmer noch liegend auf Matratzen namens "Hamarvik". IKEA halt. Die alarmierenden Zahlen der AOK sind eine Folge des kollektiven Augenverschließens und vielleicht auch der Bequemlichkeit. Das Homeoffice ist ja, wie eingangs postuliert, Mitarbeiter:innensache.

Mehr Architektenwissen für das Homeoffice

Dabei sparen Unternehmen durch das Homeoffice Geld und das teilweise nicht zu knapp. Büroflächen werden reduziert, Möbel eingespart, die Betriebskosten gesenkt.

Die Ressourcen, die Firmen einbehalten können, sollten dringend in eine Verbesserung der Homeoffice-Set-ups fließen. Rückenkranke Mitarbeiter:innen sind im Homeoffice nicht weniger schlimm als im herkömmlichen Büro. "Wer schöner wohnt, arbeitet im Homeoffice besser", titelte die FAZ in einem Artikel, der eine aktuelle Studie der TU Darmstadt aufgriff.

Architekt:innen und Planer:innen, die seit Jahren wissen, was Menschen brauchen, die verstehen, welches Umfeld Mitarbeitende für eine erfolgreiche Büroarbeit benötigen, sollten ihr Wissen auch für Heimarbeitsplätze einsetzen dürfen. Diese Spezialist:innen können mit ihrem Gefühl für Raum, für Einrichtung und Ergonomie direkt an der Basis – im Homeoffice – ansetzen und demnach das Arbeitsleben der Mitarbeiter:innen dauerhaft verbessern. Davon profitieren am Ende vor allem die Unternehmen, die gesunde, motivierte und zufriedene Arbeitnehmer:innen wertschätzen dürfen.

Soll das Homeoffice dauerhaft die Arbeitswelt bereichern, dann brauchen diese individuellen Arbeitsorte einen ähnlich gut durchdachten Plan wie unsere Bürowelten. Unternehmen sollten beim Thema Remote-Arbeit auf fachliche Expertisen vertrauen. Und Mitarbeiter:innen einfach aufmachen, wenn der Chef oder die Chefin klopft. 
 

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