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Ein Artikel aus der Episode #20Remote

In der Uni zu Hause

Lilli Lipka macht in Greifswald ihren Abschluss in Kommunikationswissenschaften.

Seit einem Jahr studiert die Greifswalderin Lilli Lipka in der Remote-Uni. Warum das zunächst traumhaft war, jetzt aber mehr und mehr Probleme mit sich bringt – ein Erfahrungsbericht. 

von Lilli Lipka

Von meinem Bett zur Uni sind es nur drei Schritte. Mit einem Mausklick habe ich den Hörsaal betreten. ‚Ich liebe Online-Uni‘, denke ich, während ich im Dämmerlicht am Schreibtisch sitze und den Laptop hochfahre. Draußen ist es grau und regnerisch. Ich bin froh, dass ich nicht mit dem Fahrrad zur Uni fahren und um 8 Uhr morgens in feuchter Kleidung der Vorlesung lauschen muss. 15 Minuten vor Unibeginn aufzustehen reicht. Die Welt sieht mich schließlich nur durch ein aquariumgroßes Fenster ab Schulterhöhe. Meine Füße wärmen sich an der Heizung, die Beine stecken in einer Jogginghose. Mein Arbeitsplatz ist geräumiger als der Klapptisch im Vorlesungsraum. Statt kaltgewordenen Kaffee trinke ich heißen Minztee. Mein Arbeitsplatz ist mein Zuhause.

Verpixelte Bilder und freie Platzwahl

„Guten Morgen“, begrüßt uns die Dozentin, „schreiben Sie doch bitte in den Chat, ob Sie mich hören und sehen können“. Nach einem unangenehmen Moment digitalen Schweigens beobachte ich, wie die Kommiliton:innen im Chat lostippen und die arme Frau nicht schon in der ersten Stunde an der Beteiligung der Kursteilnehmer:innen oder an den alternativen Lehrformaten verzweifeln muss. "Ich würde mich freuen, wenn ein paar von Ihnen die Kamera anmachen oder sich zumindest per Mikrofon einschalten", ergänzt die Dozentin. Vereinzelt ploppen verpixelte Bilder von Kommiliton:innen auf, deren Gesichter ich über die vergangenen Monate schon längst vergessen hatte. 

Durch den Einblick in ihre vier Wände, den ich über ihre Webcams erhalte, erfahre ich mehr über sie, als zu den Zeiten, als wir alle noch im selben Raum saßen. Ein Kommilitone hat eine Katze, die zur treuen Zuhörerin des Seminars wird; das Bücherregal einer Mitstudentin verrät mir, dass sie ein großer Harry-Potter-Fan sein muss; andere Studierende, die sonst nur stille Zuhörende in der Uni waren, trauen sich plötzlich, im Chat mitzumachen.

Das Seminar ist voll. 54 "Teilnehmer:innen" kann ich an der Menüleiste des Bildschirms erkennen. Doppelt so viele Personen wie sonst in unsere kleinen, schlecht belüfteten Seminarräume gepasst hätten. So wie ich hatten viele andere Glück. Normalerweise sind diese Plätze innerhalb weniger Sekunden für das Semester ausgebucht. Nur durch die Umstellung auf ein Onlineformat können unbegrenzt viele Leute teilnehmen.

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Das Zuhause, Kneipe, Seminarraum, Büro: Lillis Zimmer muss viele Aufgaben erfüllen.

Hörsaal im Hintergrund

Mit "Teilnehmer:innen" habe ich vielleicht etwas hochgegriffen. Das merke ich schon einige Wochen später. Seltener arbeite ich aktiv in den Seminaren mit, als dass ich sie nebenbei laufen lasse. Keine Blicke der Dozierenden, denen ich ausweichen muss, wenn sie nach Beiträgen aus dem Plenum fragen. Keine interessierten Studis neben mir, die mich mit ihrer Begeisterung anstecken können. Kein Seminarraum, der mit Atmosphäre und Konzentration einer Lehrveranstaltung motiviert.

Veranstaltungen, bei denen ich anfangs noch engagiert meinen Status in "Daumen hoch" aktualisiert, mich via Chat gemeldet oder (wenn ich nicht gerade einen Bademantel anhatte und mit einer Schüssel Müsli vorm Laptop saß) per Video beteiligt habe, werden zu einem stetig präsenten, aber zunehmend latenten Hintergrundgeräusch. Ich ertappe mich manchmal dabei, wie ich mein Seminar nutze, um währenddessen mein Zimmer aufzuräumen. Ich koche zum hundertsten Mal Nudeln (Mensa, ich vermisse dich) oder bestelle sinnlose Dinge im Internet. Tag für Tag sitze ich an meinem Schreibtisch auf meinem unbequemen Stuhl und klage über Rückenschmerzen. Ich verhalte mich, als wäre ich während der Pandemie um 20 Jahre gealtert. Stunde für Stunde starre ich auf den Bildschirm und habe abends Kopfschmerzen, weil ich vergessen habe, zwischendurch eine richtige Pause zu machen. Mein Arbeitsplatz ist gleichzeitig meine Mensa, mein Pausenraum und meine digitale Kneipe, in der ich mich mit Freund:innen auf ein Feierabendbier treffe. Wenn ich in mein WG-Zimmer komme, dann betrete ich inzwischen keinen Rückzugsort mehr.  Ich komme in einen Raum, indem unbearbeitete Aufgaben, aufgetürmte Lehrbücher und monotone Univeranstaltungen auf mich warten. Mein Arbeitsplatz ist zwar mein Zuhause, aber leider ist mein Zuhause auch mein Arbeitsplatz.

‚Ich hasse Online-Uni‘, denke ich.

Arbeit von oben: Lilli wartet darauf, wieder in überfüllten Hörsälen sitzen zu dürfen.

Ein Jahr Uni außerhalb der Uni

Online-Veranstaltungen und ich – das wird wohl noch lange ein Hass-Liebe bleiben. Das denke ich jetzt, ein paar Monate später. Heute stehe ich vor dem dritten Semester während der Corona-Pandemie und vor dem dritten Semester der digitalen Lehre.

Wenn irgendwann alles wieder "ganz normal" sein sollte, werde ich vielleicht auch wehmütig an diese Zeit zurückdenken. Inzwischen sind wir alle Profis in der Online-Uni. Jede Woche sehe ich neue Gesichter auf meinem Bildschirm. Mehr und mehr Kommiliton:innen trauen sich, ihre Kamera einzuschalten oder sich per Mikrofon in eine Diskussion einzubringen. Die Dozierenden haben ihre Wege gefunden, mehr aus der digitalen Lehre herauszuholen und wagen Experimente wie "virtuelle Gruppenräume". So können wir Studis auch wieder untereinander ins Gespräch kommen.

Durch die digitalen Formate sind viele Seminare zeitlich flexibel und können in asynchroner Form abgehalten werden. Ich kann meinen Stundenplan meinem Geschmack anpassen und wenn es regnet, dann bleibe ich eben drinnen. Außerdem habe ich eigene Routinen entwickelt, die mich in eine ähnliche Stimmung wie in der Uni versetzen: kein Handy am Arbeitsplatz, regelmäßige Pausen, fest eingetaktete Zeiten. Manchmal versalze ich sogar mein Essen, damit ich das Gefühl habe, ich war in der Mensa. Ein zugeklappter Laptop bedeutet für mich inzwischen das Gleiche wie das Verlassen des Unigebäudes: Feierabend.

Ich kann es trotzdem nicht abwarten, dass es wieder ein bisschen wie früher ist. Ich freue mich darauf, zwischen Veranstaltungen mit meinen Freund:innen zu quatschen und durch die Stadt zum nächsten Seminar zu schlendern. Ich kann es kaum abwarten, 90 Minuten auf harten Holzstühlen einer Vorlesung zu lauschen, ohne dass mich die vielen Möglichkeiten, die in meinem Zimmer auf mich warten, ablenken. Ich möchte, dass wieder spannende Diskussionen entstehen, ohne, dass man sich umständlich per Chat melden muss. Ich würde so gerne mit den Menschen, deren Katze oder Bücherregal ich inzwischen in- und auswendig kenne, wieder eng gedrängt in schlecht gelüfteten Seminarräumen sitzen. 

Ich freue mich darauf, wieder mein Zimmer zu betreten und zu Hause zu sein. Und nicht an meinem Arbeitsplatz.

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