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Ein Artikel aus der Episode #15Standorte

Das Uber für Schreibtische

Karsten Kossatz (rechts) gründete mit seinem Geschäftspartner Erik Müller das Projekt Independesk.

Der Berliner Unternehmer Karsten Kossatz will mit seinem Projekt Independesk ein "Uber für Schreibtische" etablieren. Von seiner Idee sollen nicht nur im Homeoffice leidende Eltern profitieren, sondern auch die raumbietenden Unternehmen. Büro und Schreibtisch werden in Kossatz Vision zu einem Marketing-Werkzeug. Was sich noch hinter dem Konzept verbirgt – fünf Fragen.

von Hannes Hilbrecht

Die Kaffeemaschine muckt, der Wellensittich quengelt und dann haust in der Wohnung über einem auch noch ein polterndes Trampeltier. Das Homeoffice bietet für Mitarbeiter viele Vorteile – manchmal aber wollen Wissensarbeiter dem Heimarbeitsplatz einfach nur entnervt entfliehen. Ein eigenes Büro fernab von Familie und Alltagsleiden wird plötzlich zu einem Sehnsuchtsort.

Der Berliner Agenturgründer Karsten Kossatz will zukünftig viele dieser Rückzugsinseln kreieren – in Zusammenarbeit mit Unternehmen, Co-Working-Spaces und Hotels. Seine Vision: In jeder Straße soll sich ein flexibel mietbarer Schreibtisch für gestresste Heimarbeiter befinden. Was noch dahinter steckt? Wir haben Karsten Kossatz fünf Fragen gestellt.

inperspective: Karsten, erzähl: Was steckt alles hinter der Idee von Independesk?

Karsten Kossatz: Wir wollen – sozusagen – das Uber für Schreibtische sein. Bei uns können normale Unternehmen, Hoteliers aber auch Coworking-Spaces Schreibtische für jedermann anbieten. Über die App sind diese Arbeitsplätze dann rasch und flexibel für jeden Nutzer in der Nähe buchbar. Für eine Stunde oder für einen Monat – völlig egal. Diese Flexibilität ist auch preislich ein klarer Vorteil. Es gibt nur fünf Grundbedingungen für jeden Arbeitsplatz: 1. Ein Raum mit Fenster. 2. Ein Stuhl und ein Tisch müssen vorhanden sein. 3. WLAN muss zur Verfügung stehen. 4. Sanitäre Einrichtungen in unmittelbarer Nähe. 5. Und selbstverständlich: Strom.

Alles darüber hinaus, ein zusätzlicher Bildschirm, Kaffee und Tee, vielleicht Kekse oder eine Meeting-Möglichkeit – das entscheidet der Anbieter. Je mehr Benefits enthalten sind, desto teurer wird der Platz. So hat jeder Nutzer die Wahl, wie viel er ausgeben möchte. Auch muss er keinen Luxus bezahlen, den er gar nicht beanspruchen will.

inperspective: Warum glaubt ihr an so flexible Arbeitsstandorte – und habt trotz der ungewissen Corona-Lage und dem Homeoffice-Hype eure Idee verwirklicht?

Karsten: Ich persönlich bin kein absoluter Fan vom Homeoffice. Die Couch verführt mich eher zum Entspannen als zum Arbeiten. Ich arbeite unwahrscheinlich gerne flexibel und von unterwegs. Mein Mitgründer Erik und ich haben das Start-up also auch aus Eigeninteresse und Eigenbedarf gegründet.

Generell hat sich durch Corona gezeigt, wie gut die Zusammenarbeit digital funktionieren kann. Gleichzeitig ist das Homeoffice für manche keine Dauerlösung, sondern gelegentlich eine ernstzunehmende Belastung. Manchmal braucht es dann die nötige Ruhe und ein wenig Abstand. Wenn der Weg ins Büro aber einen Anfahrtsweg von über einer Stunde verlangt, ist das wiederum ein Grund, doch zu Hause zu bleiben, trotz der Probleme, die dort entstehen. Wie aber wäre es, wenn wir nur über die Straßenseite gehen müssten, um einen ruhigen Arbeitsplatz ohne Couch und Familie zu haben? Das ist unsere Vision.

inperspective: Wie wird dieser Drang zur räumlichen Flexibilität, der vielerorts erkennbar ist, die Arbeitswelten insgesamt verändern – und gibt es schon aktuelle Use Cases?

Karsten: In London können wir das schon sehr spannend beobachten. Dort haben große Unternehmen früh damit begonnen, neben der Unternehmenszentrale viele kleinere Offices anzumieten. Das Anliegen ist klar: London ist eine riesige Stadt mit Millionen Einwohnern und einem weit verschachtelten U-Bahn-System. Früher sind die Mitarbeiter jeden Tag ewig unterwegs gewesen, haben sich massivem Stress ausgesetzt. Jetzt gibt es viele dichtere Ausweichmöglichkeiten. Das entspannt die Mitarbeiter, erhöht die Zufriedenheit und stärkt die Beziehung zum Arbeitgeber. Auch ist der Arbeitsweg oft ein Grund, warum sich hochtalentierte Fachkräfte gegen einen bestimmten Job entscheiden. Durch das Modell mit verschiedenen Büros an unterschiedlichen Punkten in einem Ballungsraum wird die Mitarbeiterfluktuation verringert – und das Anwerben neuer Kollegen erleichtert.

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Super bequem und super easy: Bei Independesk befindet sich der nächste Schreibtisch in einer App.

inperspective: Wie Selbstständige und normale Angestellte von der Idee profitieren können, erscheint klar. Was aber haben Unternehmen von deinem Konzept?

Karsten: Durch die Corona-Pandemie und die Folgen ist Bürofläche vielerorts abkömmlich geworden. Auch nach der Ausnahmesituation wird sich die Präsenzkultur in Unternehmen langfristig verändern. Was aber wird aus der frei gewordenen Fläche? Viele Firmen ächzen unter der Last der Mietbindung. Zehn Jahre Mindestmietlaufzeit – das ist auf dem Markt für Gewerbeimmobilien keine Seltenheit. Mit Independesk können Unternehmen freie Tische vermieten und die Kosten, die sie verursachen, senken oder bestenfalls wieder reinkriegen. Und mehr noch: Kontakte und Austausch mit unbekannten Menschen sind immer gut für die Inspiration.

Besonders für lokale Unternehmen und Hotels wirkt unser Angebot wie ein Marketing-Werkzeug. Wenn beispielsweise ein Hotel tolle, flexible Arbeitsplätze zu fairen Konditionen anbietet, werden die Schreibtischnutzer ihren Schwiegereltern diese Unterkunft für den nächsten Familienbesuch empfehlen. Wer Independesk nutzt und den Büronutzern ein nettes Arbeitsumfeld ermöglicht, erhält die Chance auf wertvolle Mundpropaganda. Außerdem lernen die Firmen ihre Nachbarschaft besser kennen und bekommen so wertvolle Insights von den lokalen Residents. Zum Beispiel zu Trends und Themen, die in der eigenen Blase vielleicht noch nicht präsent sind. 

inperspective: Es gibt auch Unternehmen, die weiterhin Büroraum suchen. Wie können diese das "Uber für Schreibtische" nutzen?

Karsten: Indem sie unser Angebot als Benefit für ihre Remote-Arbeitskräfte einsetzen. Unternehmen können bei uns Guthaben erwerben und dieses den Mitarbeitern, die vor allem im Homeoffice tätig sind, als Budget für die flexible Büronutzung bereitstellen. Falls die Kollegen doch mal einen abgeschotteten Ort fernab der eigenen vier Wände benötigen. So bekommen Arbeitskräfte, die viel unterwegs sind und keinen eigenen Schreibtisch im herkömmlichen Büro unterhalten, einen genauso vielseitigen Arbeitsplatz mit all seinen Vorteilen wie ihre Kollegen im Headquarter. Denn ich bin mir sicher: Auch in Zukunft wird Büroraum wichtig sein für gute Arbeit. Wir sollten ihn nicht abschaffen, sondern die Flächen nur effektiver für das Unternehmen und die Mitarbeiter nutzen – idealerweise durch ein verbessertes Standortangebot.

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