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Ein Artikel aus der Episode #10Innovation

Katja Thoring: "Ausmisten und Auffrischen"

Professorin Katja Thoring lehrt an der Hochschule Anhalt in Dessau. Ihre Themenfelder: Moderne Workspace-Designs und kreative Arbeitsatmosphären.

Die Professorin Katja Thoring forscht nach den besten Konzepten für innovative Arbeitsräume. Ein Gespräch über Räume, die Wissen vermitteln und Kreativität stiften sollen. Und die Frage, warum die Wissenschaft auch die Gefühlswelten der Büroarbeiter genau erkunden sollte.

von Hannes Hilbrecht

inperspective: Katja, die Grenzen zwischen den Begriffen Innovation und Evolution verschwimmen immer häufiger. Was erachtest du als notwendiger für unsere aktuellen Arbeitswelten: Dass wir sie weiterentwickeln oder doch besser gleich neu erfinden?

Professorin Katja Thoring: Evolution ist immer Teil von Innovation. Etwas Bestehendes zu verbessern und weiterzuentwickeln, kann genauso zu einer Innovation führen wie die Gestaltung von etwas komplett Neuem. In vielen Innovationsprozessen – etwa Design Thinking – ist die Iteration, also das Hinterfragen, Verbessern und Weiterentwickeln von bestehenden Lösungen oder frühen Ideen ein elementarer Bestandteil des Prozesses. Es wird zwischen inkrementeller und radikaler Innovation unterschieden. Wobei inkrementell eher die Verbesserung des Istzustands in kleinen Schritten bezeichnet. Dies kann aber ebenso zu erfolgreichen Innovationen führen.

inperspective: Wir dringend könnten unsere Arbeitswelten neue Impulse vertragen?

Katja: In Bezug auf Arbeitswelten befinden wir uns aktuell in einer radikalen Umbruchphase. Der Open-Office-Trend der vergangenen Jahrzehnte, in denen das Büro als eine Mischung aus Großraumbüro, Coffeeshop und Spielplatz konzipiert wurde, muss in Zeiten der Corona-Pandemie, und sicherlich auch danach, komplett neu erfunden werden. Das Verschmelzen von Arbeitsplatz und Homeoffice und die massive Integration digitaler Kommunikationskanäle erfordern ein radikales Umdenken in der Büroplanung. Das wird große Herausforderungen an Büroplaner, Möbelhersteller und Architekten stellen.

inperspective: Erfolgreiche Forschung beruht häufig auf der Auswertung des Vergangenen: Welche Innovationen waren in der Entwicklung von Arbeitswelten historisch gesehen besonders bemerkenswert und können noch heute als Vorbild dienen?

Katja: Ich arbeite an der Hochschule Anhalt in Dessau, in unmittelbarer Nachbarschaft des historischen Bauhauses. Die Ideen, die Walter Gropius hier vor einem knappen Jahrhundert in diesem Gebäude verankerte, sind immer noch aktuell, inspirierend und wegweisend. Beispielsweise der Gedanke, das Gebäude in unterschiedliche Zonen für verschiedene Arbeitsfunktionen aufzuteilen. Oder die lichtdurchflutete Atmosphäre, die durch große Fensterfassaden entsteht. Oder die kreative Nutzung von Farben im Innenbereich. Das alles sind Aspekte, die heute noch funktionieren.

inperspective: Du setzt dich beruflich laufend mit modernen Raumdesigns auseinander. Welches Büro hast du zuletzt als besonders innovativ und fortschrittlich wahrgenommen?

Katja: Ich bin beruflich häufiger in den Niederlanden. Ein sogenanntes Co-Working-Hotel, in dem ich mich gerne aufhalte, ist das ZOKU in Amsterdam. Sowohl die Hotelzimmer als auch die Gemeinschaftsbereiche und Co-Working-Spaces sind so gestaltet, dass ich mich dort wohl und inspiriert fühle. Es gibt viele Pflanzen, abwechslungsreiche und unterschiedlich gestaltete Arbeitsnischen und einen Blick über die Dächer Amsterdams. Objekte, Werkzeuge und Bücher, die die Kreativität anregen und den Arbeitsprozess unterstützen, sind in den Räumlichkeiten sehr präsent.

Im Amsterdamer Hotel "ZOKU" verschmelzen Lifestyle und Arbeit. Katja Thoring arbeitet hier regelmäßig an neuen Ideen.

inperspective: Das ist ein sehr konkretes Beispiel. Projizieren wir dieses auf die Basics: Was muss ein Arbeitsraum grundsätzlich gewährleisten, damit dieser die Kreativität der Benutzer fördert?

Katja: Der Raum muss mir Abwechslung bieten. Jeden Tag am gleichen Schreibtisch in der gleichen Umgebung zu sitzen, ist nicht inspirierend. Sogar viele sogenannte "Creative Spaces" sehen gleich aus. Es scheint, dass sich die Raumplaner abgesprochen hätten: Whiteboards und Sofas auf Rollen, Stehtische mit passenden Stehhockern von Konstantin Grcic, der obligatorische Kicker. Das ist alles prima, aber mittlerweile fast zum Standard geworden.

inperspective: Wie können moderne Büromöbel zur Abwechslung beitragen?

Katja: In einem studentischen Kooperationsprojekt mit Palmberg haben wir im Wintersemester 2019/2020 bereits einige Möbelansätze entwickelt, die das kreative Arbeiten unterstützen. Hier stand die Flexibilität der Möbel im Vordergrund. Wir wollten, dass ein System in unterschiedlichsten Nutzungsszenarien eingesetzt werden kann. Auch hier kommt wieder die Abwechslung ins Spiel: Wenn wir die Möbel individuell für uns anpassen können, wird es im Büro auch nicht so schnell langweilig.

inperspective: Was sind die einfachsten Hebel für mehr Vielfalt im Büro-Design?

Katja: Wir können Abwechslung durch verschiedene Aspekte erzeugen. Zum Beispiel durch Wechselausstellungen mit unterschiedlichen Postern oder Objekten (die gegebenenfalls von den Mitarbeitern selbst ausgetauscht und aktualisiert werden), oder durch die bunte Kombination von Möbeln und Farben. Daneben muss zwingend die passende Infrastruktur vorhanden und Funktionalität gewährleistet sein. Wenn das Internet nicht funktioniert oder der Schreibtisch zu klein ist, um schnell eine Idee zu skizzieren, kann man auch nicht kreativ sein. Aber das setze ich jetzt einfach mal voraus.

inperspective: Wie wichtig ist die Analyse einer vorhandenen Arbeitsumgebung, um eine erfolgreiche Neugestaltung zu erzielen?

Katja: Der wichtigste Aspekt, der leider häufig vergessen wird, ist die Einbeziehung der aktuellen oder zukünftigen Nutzer des Raumes. Oft werden Arbeitsräume am Reißbrett entworfen, und am Ende sind die Menschen, die in den Büros arbeiten sollen, nicht glücklich. Ich empfehle eine nutzerorientierte Herangehensweise. Architekten, Planer und Unternehmen müssen Wünsche und Bedürfnisse der Nutzer zumindest abfragen. Noch wichtiger ist die Einbindung der betroffenen Mitarbeiter in den Entwurfsprozess, etwa in sogenannte Co-Creation-Workshops.

inperspective: Was sollten die Beteiligten in diesen Meetings gemeinsam besprechen?

Katja: Es ist extrem wichtig, die vorhandenen Räume zu analysieren, Schwachpunkte zu identifizieren, aber auch die Dinge zu erkennen, die bereits gut funktionieren und beibehalten werden können. Im Rahmen meiner Forschung zu kreativen Arbeitsumgebungen habe ich ein Konzept für einen solchen kollaborativen Workshop zur Raumanalyse entwickelt.

inperspective: Welche Parameter besprichst und analysiert du in diesem Workshop?

Katja: In dieser sogenannten "Creative Space Clinic" bewerten wir Arbeitsräume systematisch anhand von fünf Kriterien: Prozessunterstützung, Stimulation, soziale Dimension, Wissenstransfer und Unternehmenskultur. Die Ergebnisse können als Grundlage für die nachfolgende Raumgestaltung genutzt werden.

Bunt, abwechslungsreich, voller Inspiration: Im ZOKU-Hotel kommt Katja Thoring schnell auf gute Ideen.

inperspective: Wie können wir zielführend und bestenfalls unabhängig vom konkreten Projekt standardisiert hinterfragen, ob die aktuelle Arbeitsumgebung wirklich bei den zu leistenden Tätigkeiten unterstützt?

Katja: Das ist eine spannende Frage, die komplexere Studien erfordert. Wir könnten die Nutzer befragen, wie gut oder schlecht die Arbeitsumgebung bestimmte Tätigkeiten unterstützt. Das wird zum Teil von größeren Architekturbüros oder Möbelherstellern praktiziert. Interessanter finde ich jedoch die Möglichkeit, Nutzerverhalten und Output messbar zu machen. Werden Meetingräume mit Ausblick zum Garten häufiger gebucht als die zur Straße liegenden? Dauern die Meetings dort länger? Sprechen Menschen in Großraumbüros wirklich häufiger miteinander? Oder chattet man dann lieber mit dem Kollegen via Slack, um die Umgebung nicht zu stören? Solche Fragen sind extrem interessant und können helfen, vorgefertigte Annahmen zu hinterfragen und gegebenenfalls zu korrigieren. In meiner Forschung beschäftige ich mich aktuell mit der Entwicklung von technologiegestützten Methoden zur Erhebung solcher Daten. Etwa dem Aufzeichnen von Nutzerverhalten durch sensorbasierte Systeme. Oder der Erfassung von Emotionsänderungen in bestimmten Umgebungen durch die Messung der Gehirnaktivität mit EEG-Headsets.

inperspective: Welchen Einfluss nimmt der Raum auf die Qualität unserer Arbeit – und wie beeinflussen uns Büros und Möbel psychologisch?

Katja: Ich gehöre zu einer Forschungsgruppe an der Technischen Universität Delft, dem Delft Institute of Positive Design, das sich mit den Auswirkungen von Raum-Designs auf Glück und Wohlbefinden beschäftigt. Selbstverständlich hat die Umgebung einen Einfluss auf unser Empfinden. Die Bürogestaltung kann dazu führen, dass wir uns wohl und willkommen fühlen. Ergonomische, bequeme und flexible Möbel wirken positiv auf die Gesundheit. Farben können aktivieren oder beruhigen, und Sport- oder Spielelemente sorgen für Spaß am Arbeitsplatz. Wir gehen davon aus, dass sich dieses Wohlbefinden auf die Qualität der Arbeitsergebnisse auswirkt. Aber ein direkter Zusammenhang lässt sich nicht so einfach nachweisen.

inperspective: Weil du es ansprichst: Tischtennisplatte, Bierzapfanlage, Massagesessel. Gibt es auch zu viel Mitarbeiterfreundlichkeit?

Katja: Zu viele dieser gut gemeinten Angebote können vom Kern der Arbeit ablenken. Und manchmal macht ja eben die "Not erfinderisch". Eine limitierte Arbeitsumgebung führt gerade dazu, dass wir kreative Lösungen entwickeln. Die Frage lässt sich nicht eindeutig und abschließend beantworten.

inperspective: Wie kann ein Raum die Lernqualität verbessern und die Generierung von Wissen beschleunigen?

Katja: Da gibt es drei Möglichkeiten. Die Offensichtlichste ist, dass der Raum Zugang zu explizitem Wissen (also in Form von Texten, Büchern, Vorträgen oder ähnlichem) bereitstellt. Eine Bibliothek oder ein Vortragsraum kann dies unterstützen, oder ein beschreibbares Whiteboard. Die Erkenntnis, dass viel Wissen zwischenmenschlich durch informelle Gespräche oder die Beobachtung von Kollegen (bei ihren Tätigkeiten) gewonnen werden kann, hat im letzten Jahrhundert zu den bis heute so beliebten Großraumbüros geführt. Die Idee, dass man sich hier öfter über den Weg läuft und beim Kaffee wichtige Informationen austauscht oder den Kollegen beim Workshop zuschauen kann, inspirierte zu neuen Bürogestaltungen. Es entstanden Arbeitsorte mit Glaswänden, gemütlichen Lounge-Bereichen und zentralen Kaffeeküchen. Und wir können, das ist die dritte Möglichkeit, Wissen durch Artefakte im Raum vermitteln. So könnten beispielsweise Exponate früherer, erfolgreicher Projekte in den Arbeitswelten ausgestellt werden, aus denen Mitarbeiter Erkenntnisse extrahieren können. Wir erinnern uns an Lösungen und Wege, die zu diesem Erfolg geführt haben. Dieser Aspekt ist aber vor allem für solche Branchen relevant, die mit Objekten arbeiten. Also Bereiche wie Maschinenbau, Design oder Architektur.

inperspective: Oft werden Räume bereits vor der konkreten Büroplanung gemietet oder gar bezogen. Architekten müssen mit dem arbeiten, was da ist. Das beklagen besonders Büroplaner häufiger.

Katja: Das ist in der Tat ein typisches Problem. Aber die Architektur und die Lage in der Stadt sind nur zwei von vier Aspekten, die eine kreative Arbeitsumgebung definieren. Die Innenraumgestaltung sowie das Mobiliar und Equipment können weiterhin frei gestaltet werden. Selbst die Raumaufteilung können wir in einem gewissen Maße verändern, indem wir nichttragende Wände und Zwischendecken entfernen oder neue Trennwände einziehen.

inperspective: Wie würdest du die Planung in einer Umgebung beginnen, die du dir nicht selbst aussuchen konntest?

Katja: Nach dem gründlichen Ausmisten und Auffrischen können wir schauen, welche Chancen der vorhandene Charme des Raumes bietet. Ich würde immer empfehlen, den Charakter der Immobilie zu nutzen und zu verstärken. Man kann aus einem verstaubten Bürogebäude aus den Siebzigerjahren kein hippes Industrie-Loft zaubern. Aber vielleicht kann man mit Kunstdrucken aus dieser Zeit die Atmosphäre des Raumes verstärken oder durch eine individuelle Farbgestaltung von Wandsegmenten vorhandene architektonische Besonderheiten betonen.

inperspective: Auf deiner Website sprichst du von über 250 Designprinzipien für die Architektur und Stadtplanung. Welche sind bei der Entwicklung von kreativen Büros besonders interessant?

Katja: Hier hatte ich mich auf die "Pattern Language" von Christopher Alexander bezogen, die 253 abstrahierte Beispiellösungen, sogenannte "Entwurfsmuster", für typische Probleme in der Architektur und Stadtplanung vorschlägt. Diese Prinzipien können dann für ähnliche Herausforderungen angewendet werden. Unter diesen 253 Entwurfsmustern sind etliche für den Arbeitsraum, aber keine, die konkret das kreative Arbeiten thematisieren. Daher habe ich im Rahmen meiner Forschung selbst eine Sammlung von 49 Entwurfsmustern für anregende Arbeitsumgebungen entwickelt.

inperspective: Was ist ein gutes Designprinzip, dass theoretisch jeder Planer und jedes Unternehmen unkompliziert nutzen könnte?

Katja: Ein Beispiel ist etwa der "Anker" – ein zentraler Treffpunkt, der Menschen aus verschiedenen Abteilungen zueinander führt. Das kann die Kaffeemaschine sein. Vielleicht eine zentrale Treppe, auf der sich jeder über den Weg läuft, oder sogar ein Food-Truck, der einmal täglich vor dem Büro hält und den Lunch bringt. Ein anderes Beispiel ist der "High-Seat". Möbel auf erhöhten Podesten, die einen gewissen Überblick verschaffen und durch den Perspektivenwechsel neue Impulse setzen.

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Gastbeitrag Anna Schnell