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Ein Artikel aus der Episode #10Innovation

Innovationen aus aller Welt: Auslaufende Regenbögen

Die DISC ist eine neue Evolution in der Akustiktechnik.

Unsinniger bunter Kleinkram oder notwendige Neuheit? Häufig steht eine charmante Spielerei am Anfang einer bedeutenden Innovation, schreibt inperspective-Autor Hannes Hilbrecht. Er begibt sich auf eine Weltreise der charmanten Ideen und fantasiert von Hightech für die Büro-Zukunft.

von Hannes Hilbrecht

Der teuerste und innovativste Arbeitsplatz der Menschheitsgeschichte ist nicht von dieser Welt. Er kostete über 100 Milliarden Dollar. Er ist ständig in Bewegung, rast mit einer Geschwindigkeit von 28.000 Kilometern pro Stunde durch die Gegend. Momentan dürfen nur fünf Menschen dort im einzig wahren Open Space arbeiten. Chris Cassidy, Anatoli Iwanischin, Iwan Wagner, seit kurzem Bob Behnken und Doug Hurley, die SpaceX-Raketenreiter. Die fünf Männer leben und forschen auf der internationalen Raumstation ISS. Arbeiten im All – der Mensch ist zu vielem fähig, und er ist schnell geworden beim Fähigwerden. Von Thomas Alva Edisons Glühbirne 1879 bis zur Raumstation Mir, sozusagen dem ersten Weltraum-Office, verblassten nur 107 Jahre.

Im Büro brauchen Innovationen dagegen ihre Zeit. Vom ersten Sekretär, einer schnieken Tisch-Schrank-Kombination, erfunden im 18. Jahrhundert in Frankreich, bis zu heutigen Arbeitsplätzen hat sich einiges in den Schreibstuben getan. Doch Experten sprechen viel lieber von einer Evolution, einem schleichenden Prozess. Ein Schreibtisch fußt auch im Jahr 2020 auf vier Beinen. Völlig neu, also revolutionär neu, ist wenig. Die Materialien, die Lacke, das Design – all das wird schöner, verändert sich, passt sich den Benutzern, den Menschen an – doch die Entwicklungsschritte sind kleiner, vorsichtiger, bedächtiger. Evolution eben. Im Alltag fast unsichtbar.

Wer über Innovationen in Büros spricht, der muss genau hinschauen, auf die kleinen Dinge achten, auf Details wie die Akustikelemente, die immer wichtiger werden. Die DISC von Palmberg zum Beispiel, ein rollbarer Schallabsorber, Sichtschutz und Raumtrenner ist das, was man als innovativ lobpreisen kann. Etwas Bekanntes, nur völlig neu erdacht und so für den Arbeitnehmer bequem gemacht.

Innovationen in Büros – sie gibt es nicht ausschließlich bei den Möbeln. Ganze Räume können innovativ sein, oder auch nur das Licht. Drei Beispiele für Innovationen aus aller Welt, die unsere Büros verändern könnten – von Brandenburg, über Malaysia bis Lafayette in den Vereinigten Staaten.

Outside Society, Lichterfelde, Berlin-Brandenburg

Es klingt ein bisschen nach Hooligan-Film. Und ja: Die besagte Outside Society hat etwas mit abgelegenen Wäldern und Wiesen zu tun. Nur brechen dort auf den Weiden keine Nasenrücken und Kahnbeine. Outside Society ist ein Projekt des Berliner Unternehmers Karsten Kossatz. Die Gedanken des jungen Machers sind tatsächlich ambitioniert. Er will nicht weniger als die Meeting-Kultur revolutionieren.

Kossatz vermietet einen flexiblen Konferenzraum. Üppig verglast und modern eingerichtet wird dieser zum Beispiel in der Pampa des Berliner Umlands aufgestellt, unweit der Autobahn, verkehrstechnisch also halbwegs gut zu erreichen. Unternehmen können den innovativen Kasten für Meetings mieten. Mit Getränken und geliefertem Essen. 5.000 Euro kostet der modulare Klotz für einen Tag. Ein beinahe normaler Kurs für ganztägige Veranstaltungsräume in einer Metropole wie Berlin. Nur das neben dem Meetingraum Pferde flehmen und Rehe äsen. Die Natur, die frische Luft und die erholsame Kraft des Waldes sollen kreative Gedanken anregen, sagte der Jungunternehmer dem Magazin t3n.

Ob sich die Outside Society etabliert, erscheint aufgrund des Konkurrenzdrucks durch die Hotellerie fraglich, auch das Problem der Erreichbarkeit bleibt, denn halbwegs ist niemals richtig gut. Aber der Gedanke, stationäre Meetings, die durch die flächendeckende Homeoffice-Periode momentan eh besonders hinterfragt werden, innovativ weiterzuentwickeln, sollte zwingend beibehalten werden. Ob es der Meetingraum als Ort ist – oder die Real-Life-Projektion von Teilnehmern aus der Ferne – das dürfte erst die Zukunft zeigen.

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Mindvalley, Kuala Lumpur, Malaysia

Die Sagrada Família ist vermutlich die schönste Dauerbaustelle der Welt. Die Basilika wird seit Jahrzehnten von Schaulustigen in Barcelona belagert und erkundet, sie ist Weltkulturerbe. Fertig wird das katalanische Monument jedoch erst im Jahr 2026. Pünktlich zum 100. Todestags von Antoni Gaudi, dem Architekten und Schöpfer der Sagrada.

Die "Kirche" hat sogar etwas mit einem der weltweit innovativsten Büros zu tun. Sie hat das malaysische Unternehmen "Mindvalley" zu einer ungewöhnlichen Bürobeleuchtung inspiriert. Besser gesagt: Die weltbekannten Lichtspiele, die durch das besondere Kirchenglas der Sagrada entstehen und discoähnliches Flackerlicht erzeugen, nur in viel schöner, wurden in Kuala Lumpur für die hochmoderne Arbeitswelt adaptiert.

Die Firma, die Weiterbildungsformate für zwölf Millionen Kunden in 80 Ländern entwickelt, setzt auf den kaleidoskopischen Effekt, also auf Lichtreflexe. Besondere Fenster sorgen dafür, dass sich das Büro je nach Lichteinstrahlung verfärbt. Jeder Sonnenaufgang flutet den Open Space mit bunten Farbspielen. So, als ob ein Regenbogen in der Etage ausgelaufen wäre.

Das ist eine nette Spielerei. In den sozialen Medien ging ein Video vom morgendlichen Bombast steil, wie man auf Neudeutsch sagt. Firmengründer Vishen Lakhiani, ein Unternehmer, Bestsellerautor und Speaker verspricht sich vom poppigen Büro Bewerbungen von qualitativen Mitarbeitern.

Die Wirkung von natürlichem Licht und bunten Farben auf Arbeitsatmosphäre und Mitarbeitergesundheit sind in der Forschung unumstritten. Vielleicht ist das in Kuala Lumpur doch weit mehr als eine nette Spielerei. Sondern der Beginn einer neuen Epoche der Lichtkonzepte.

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3. Purdue University, Lafayette, Indiana, Vereinigte Staaten

Juan Wachs rettet Leben, ohne selber Patienten zu behandeln. Wachs, Ex-Soldat und Forscher, leitet das "Labor für intelligente Systeme und unterstützende Technologien" an der Purdue University in Lafayette, Indiana. Unter seiner Ägide entwickelt ein hoch spezialisiertes Team beispielsweise Augmented-Reality-Linsen für Chirurgen. Muss ein Militärarzt in einem entfernten Winkel dieser Welt einen Soldaten notoperieren, womöglich sogar im freien Feld, kann sich ein erfahrener Operateur aus den USA live zuschalten und bei der OP assistieren. Mit den Augen des skalpellführenden Arztes. Forscher wie Wachs arbeiten daran, Distanzen verschwinden zu lassen. Sie sind digitale Brückenbauer.

Doch ist das, was das Militär macht, auch abseits von Videokonferenzen auf normale Bürojobs übertragbar? Viele andere Branchen nutzen bereits Hightech, um Mitarbeiter im Alltag zu unterstützen. In Autowerken tragen manche Fabrikmitarbeiter sogenannte Exoskelette, besser bekannt als Robotoranzüge. Diese hochmodernen Orthesen, die häufig kleine Servomotoren beinhalten, verstärken Bewegungen oder geben bei anstrengenden Tätigkeiten Halt. Exoskelette sollen Mitarbeiter produktiver machen und vor Langzeitverletzungen schützen. In der Luftfahrtindustrie sind viele Wartungstechniker mit Smart Glasses ausgerüstet. Die Brillen helfen bei der Arbeit und steigern die Produktivität bei einer gleichzeitigen Reduzierung von Fehlern.

Auch der klassische Büromitarbeiter soll von diesen Innovationen langfristig und in breiter Masse profitieren. Im Fokus der Büro-Revoluzzer: Smartwatches und Sportuhren. Die messen bekanntlich Puls, Schlafzeiten und Schrittanzahl, können als Bezahlmethode oder für Telefonate dienlich sein. Manche Visionen führen aber noch weiter. Smarte Uhren, verstärkt durch neue künstliche Intelligenzen, könnten bald anhand der Vitalwerte und neurologischen Parametern herausfinden, ob für Büromitarbeiter eine kreative Phase naht. Oder ob sie sich besser kurz entspannen sollten, um spätere Leistungsschübe vorzubereiten. Wie sensibel die Technik bereits funktioniert, zeigten zwei Studien der Carnegie Mellon University in Pennsylvania. Die Uhren konnten in den Untersuchungen mit einer Genauigkeit von 95 Prozent erkennen, was die Probanden mit ihren Händen taten. Ob sie auf dem Handy scrollten, auf der Computertastatur tippten oder sich ganz banal die Hände wuschen – die Uhr fand es heraus. Die Autoren des renommierten Tech-Magazins "Wired" sehen in KI-Wearables eine klare Zukunftsperspektive für die Büroarbeit. Sie notieren anerkennend: "Apps auf modernen Uhren und Brillen können Dokumente hochladen, navigieren, Vitalwerte anzeigen – sie können aber auch Produktivität, Gesundheit und Sicherheit gewährleisten."

Die Bürowelten stehen vor Innovationen, die Krise der Corona-Pandemie, Wirtschaftsrezessionen und Lockdowns werden in der Not erfinderisch machen. Was Spielerei und was wichtig ist, was schön und was vielleicht nur klug, aber zu wenig charmant für eine weltweite Anwendung – das kann einzig die Zukunft zeigen. Am vielversprechendsten sind Innovationen aber ganz sicher dann, wenn es einen tollen Ort gibt, an dem Mitarbeiter diese Neuheiten nutzen und erleben können. Unsere Büros.

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Gastbeitrag Anna Schnell
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