Menü öffnen
Ein Artikel aus der Episode #8Homeoffice

Vorteile und Risiken: Homeoffice ist nicht gleich Homeoffice

Homeoffice oder Büro, Einzel- oder Teamarbeit? Die Forschung kommt zu interessanten Ergebnissen.

Die Arbeit im Homeoffice spart Kosten, steigert die Produktivität und kann gut für die Umwelt sein. Doch gibt es auch Nachteile? Ein Streifzug durch die weltweite Wissenschaft.

von Hannes Hilbrecht

"Wir diskutieren viel darüber, wie gut das Homeoffice funktioniert. Ob es einen Produktivitätsschub verspricht oder zu einem Produktivitätsverlust führt. Paranoide Manager stellen sich vor, dass Mitarbeiter mit Metallica-Shirts daheim auf ihren Sofas liegen, Doritos vom Bauch essen und die TV Show "Ellen" schauen."

Das schreibt der amerikanische Keynote-Speaker und Buchautor Scott Mautz in einem Beitrag für das Inc.-Magazin. Mautz, der seit Jahren in Vorträgen und Artikeln für die Arbeit von zuhause wirbt, übte sich öffentlich in Spott gegen Unternehmen, die Homeoffice bisher ablehnten. Das Selbstbewusstsein von Mautz stützt sich auf eine zweijährige Studie des Wirtschaftswissenschaftlers Nicholas Bloom. Bloom lehrt an der prestigeträchtigen Stanford-University in Kalifornien, einer der US-amerikanischen Eliteschmieden für Top-Studenten. Blooms Wort hat Gewicht und Einfluss in der Wirtschaft.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.
Externer Inhalt
Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden und akzeptiere alle Cookies dieser Webseite. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung und Cookie-Erklärung.


Ein großes Experiment

Gemeinsam mit dem Unternehmer und Stanford-Absolventen James Liang wagte Bloom eine – in dieser Größenordnung – selten da gewesene Studie. Liang, Mitgründer von Ctrip (Anmerkung: Das Unternehmen firmiert mittlerweile als trip.com Group), einer der erfolgreichsten Reiseagenturen Chinas (damals 20.000 Beschäftigte), erlaubte seinen Mitarbeitern die Option Homeoffice. Die Intention von Liang war klar: Büroflächen in Schanghai, wo Ctrip seinen Hauptsitz unterhält, sind teuer. Zudem mussten viele Mitarbeiter aus den Randbezirken (aufgrund der hohen Mieten in der Innenstadt) lange Arbeitswege zurücklegen. Die generalisierte Entscheidung zum Homeoffice sollte betriebswirtschaftliche Kosten senken und die Talente an das Unternehmen binden. Die Ergebnisse der "Feldstudie" waren imposant und gelten als beliebte Argumentationsgrundlage für Homeoffice-Befürworter.

  1. Die Produktivität der Mitarbeiter stieg deutlich und robust.
  2. Die reine Arbeitszeit der Mitarbeiter erhöhte sich, weil die Angestellten von Ctrip seltener zu spät kamen oder früher gingen.
  3. Die breite Masse der Ctrip-Beschäftigten empfand die Arbeit als weniger ablenkend und konnte sich zuhause besser konzentrieren.
  4. Die Mitarbeiter-Fluktuation verringerte sich um 50 Prozent.
  5. Weniger Urlaub wurde beantragt und gleichzeitig sank die Anzahl der Krankheitstage.
  6. In den zwei Jahren der Studie wurden pro Mitarbeiter durchschnittlich 2000 Dollar Miete eingespart.

Die positive Überraschung

Wissenschaftler Bloom, der zuvor glaubte, dass sich positive und negative Aspekte des Homeoffice ausgleichen würden, hatte sich geirrt. Die Vorteile, die durch die Homeoffice-Regelung entstanden, überwogen deutlich. Auch weil das neue Konzept die emotionale Bindung der Mitarbeiter zum Büro verstärkte. Angestellte, die in einer Umfrage zuvor erwähnt hatten, ihre Arbeit komplett von zuhause erledigen zu können, rückten nach einiger Zeit im Heimbüro von dieser These wieder ab. Sie hatten sich im Homeoffice ohne die Kollegen und ohne die persönliche Führung durch Vorgesetzte allein und isoliert gefühlt. Durch die Homeoffice-Regelung "gewann" das klassische Büro wieder an Bedeutung. In seiner Studie empfiehlt Forscher Nicholas Bloom eine flexible Lösung. Homeoffice und Büropräsenz sollen sich ergänzen, nicht gegenseitig ausschließen.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.
Externer Inhalt
Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden und akzeptiere alle Cookies dieser Webseite. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung und Cookie-Erklärung.


Es kommt auf die Mischung an

Interessante Einblicke sammelte auch die Hans-Böckler-Stiftung. Die Organisation des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) forschte intensiv über das Für und Wider von Homeoffice. Autorin Yvonne Lott resümiert in ihrem Report: "Die bisherige Forschung zeigt, dass Beschäftigte, die im Homeoffice arbeiten, im Vergleich zu Arbeitnehmerinnen ohne Homeoffice einsatzbereiter und zufriedener mit ihrem Job sind. Es gibt auch Hinweise darauf, dass Homeoffice mit einer höheren Leistung, mehr Engagement und sinkenden Kündigungsabsichten verbunden ist. Interessant ist dabei, dass allein die Möglichkeit, im Homeoffice arbeiten zu können, ausreichend ist, damit Beschäftigte einsatzbereiter, zufriedener, engagierter und produktiver sind. Allein durch das Angebot, zu Hause arbeiten zu können, wird das Vertrauen zwischen Arbeitgeber und Beschäftigten gestärkt."

Doch damit diese Vorteile für Mitarbeiter und Unternehmen entstehen können, sind die Rahmenbedingungen der Heimarbeit umso wichtiger. Als besonders wichtig definierten die im Report zitierten Forscher die Themenfelder "Arbeitszeit" und "Arbeitsaufteilung". So beträgt die Wahrscheinlichkeit, dass die Mitarbeiter im Homeoffice Arbeits- und Privatleben gut vereinbaren können, stolze 58,3 Prozent – allerdings nur, wenn die Mitarbeiter lediglich während der regulären Arbeitszeit am Heimarbeitsplatz schuften.

Wird dieser Grundsatz nicht eingehalten, sinkt der Wert um fast zwei Drittel auf 21,1 Prozent. Eine ähnliche Entwicklung zeigt sich bei der Verteilung der Arbeitszeit auf Büro- und Homeofficearbeitsplatz. Während Angestellte, die lediglich stundenweise zuhause arbeiten dürfen, nur zu knapp 30 Prozent eine positive Vereinbarkeitserfahrung machen, sieht es bei denjenigen, die für ganze Tage ins Homeoffice wechseln, deutlich besser aus. Hier gaben 53 Prozent der Mitarbeiter an, Beruf und Freizeit erfolgreicher voneinander trennen zu können. Forscher erklären diese signifikanten Unterschiede mit einer simplen Erklärung. Wer stundenweise zuhause arbeitet, neigt dazu, Mehrarbeit aus dem Büro mitzunehmen.

Autorin Yvonne Lott zieht in ihrem Report ein gemischtes Resümee. Sie schreibt: "Die aktuelle Forschung liefert keine eindeutige Antwort auf die Frage, ob Homeoffice Arbeitnehmerinnen unterstützt. Manche Studien zeigen, dass Homeoffice mit Vorteilen für Beschäftigte verbunden ist. Andere wiederum kommen zu dem Schluss, dass Homeoffice eher zu Belastungen führt. Uneinigkeit herrscht vor allem in der Frage, ob Homeoffice die Vereinbarkeit von Beruf und Familie unterstützt und Vereinbarkeitsprobleme reduziert."

Mehr Aufwand für die Karriere, mehr gesundheitliche Risiken

Bei all den Vorteilen, die Forscher dem Homeoffice nachweisen konnten, birgt diese Arbeitsform auch Risiken, wie wissenschaftliche Mitarbeiter der Universität California-Santa Barbara (UCSB) betonen. So steigt im Homeoffice nachweislich die Gefahr für Burn-outs. Ein Hintergrund: Frauen und Männer spüren bei der Heimarbeit einen höheren Leistungsdruck, um beruflich aufzusteigen. Um den fehlenden Kontakt zu Vorgesetzten, der für Beförderungen häufig notwendig ist, zu ersetzen, steigern Arbeitnehmer ihr Arbeitspensum und ihre Erreichbarkeit. Das Zeigen von Engagement sei aus dem Homeoffice deutlich schwieriger und verlange mehr Kraft- und Zeitaufwand, urteilen die Experten. 

Der Co-Autor der Studie, Management-Professor Paul Leonardi, erkennt deshalb ein besonders hohes Risiko für sogenannte Remote-Mitarbeiter, einen Burn-out zu erleiden. Dem Magazin Business Insider sagte Leonardi: "Selbst wenn die Menschen im Homeoffice erfolgreich befördert werden und ihre Karriereziele erreichen, haben sie sich im Prozess bereits geschadet und ihre Work-Life-Balance gefährdet."

Gesundheitliche Risiken im Homeoffice größer als im normalen Büro?

Dass das Homeoffice zu Burn-outs oder anderen mentalen Erkrankungen führen kann, zeigen auch Ergebnisse einer AOK-Studie, die das Handelsblatt in einem Beitrag dokumentiert und auswertet. Insgesamt wurden für den Report 2000 Beschäftigte zwischen 16 und 65 Jahren befragt.

Die Ergebnisse:

  1. 74 Prozent der befragten Mitarbeiter, die regelmäßig im Homeoffice arbeiten, fühlen sich erschöpft. (Bei Büromitarbeitern lag der Anteil "nur" bei 66 Prozent).
  2. Im Homeoffice tätige Angestellte klagen häufiger über Nervosität, Lustlosigkeit, Schlafstörungen und Selbstzweifel.
  3. Auch zeigten sich deutliche Probleme bei der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben: Jeder dritte Mitarbeiter mit Homeoffice verlegt Arbeitszeit häufig auf den Abend oder in das Wochenende. Jeder Fünfte sah genau darin ein Problem, weil Erholung fehlte.

Die verschiedenen Studien und Zusammenfassungen der weltweiten Wissenschaft zeigen das große Potenzial von Homeoffice. Diese Arbeitsform kann in der Mitarbeiterführung und bei der Steigerung von Produktivität extrem erfolgreich wirken – funktioniert aber letztlich nur ideal, wenn die Unternehmen die Rahmenbedingungen für das Homeoffice maximal mitarbeiterfreundlich abstecken. Homeoffice ist also nicht gleich Homeoffice – sondern abhängig von den Umständen.

Letzter Artikel
Artikel Hannes
Homeoffice
Nächster Artikel
Homeoffice
Perspektive Homeoffice