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Habitat-Design: Wenn Arbeitsumfelder krank machen – und wie gesunde Büros entstehen

Die Expertin für Habitat-Design Andrea Struckmeier im Gespräch mit inperspective

Toll gestaltet, aber für die Mitarbeitenden trotzdem unangenehm? Vielleicht sogar gesundheitsgefährdend? Wie Architekt:innen keine Büros, sondern Habitate designen, weiß Andrea Struckmeier.

von Hannes Hilbrecht

inperspective: Frau Struckmeier, mit Ihrem Beratungsangebot B:SEEN transportieren Sie das Thema Habitat-Design in die Arbeitswelten. Ein schöner Begriff. Aber was steckt dahinter?

Andrea Struckmeier: Mehr als Büros, Wände und hübsche Elemente. Es geht um Menschen – und darum, wie wohl sie sich in einer Umgebung fühlen. Um Individualität, Potenzial und Bedürfnisse. Diese Aspekte sind abhängig vom Raum, vom Interieur, vom Design –  und weiteren Variablen.

inperspective: Das lässt vermuten, dass Unternehmen und Architekt:innen tiefer in die Planung einsteigen sollten.

Andrea: Wir Menschen reden generell sehr viel über Geschmack. Mögen wir lieber einen blauen Tisch oder einen grünen? Dabei ist genau das vergleichsweise unwichtig. Geschmack und Wohlbefinden sind zwei verschiedene Dinge. Das muss man verstehen. Menschen können Umgebungen visuell mögen und sie trotzdem als unbehaglich empfinden. Schlimmer: Auch hübsche Büros können krank machen. Und das nicht nur aufgrund der akustischen Belastungen.

inperspective: Haben Sie ein konkretes Beispiel?

Andrea: Ich weiß von einem Fall, bei dem außergewöhnlich viele Menschen in einem Büro plötzlich unter starken Kopfschmerzen und Unwohlsein litten. Es kam zu erhöhten Krankenständen und Burn-outs. Zunächst waren die Verantwortlichen ratlos. Entdeckt wurde der Ursprung des Problems erst, als die damaligen Umgestaltungsmaßnahmen genauer beleuchtet wurden.

Das Wohlbefinden im Büro ist ein wesentlicher Faktor zur Prävention von Kopfschmerzen oder Burn-outs

inperspective: Was fiel auf?

Andrea: Die verlegten Teppiche. Die sahen zunächst hochwertig aus, doch leider gaben sie langfristig Allergene an ihre Umwelt ab. Zahlreiche Mitarbeitende reagierten darauf mit den beschriebenen Symptomen. Nachdem die Teppiche entfernt wurden, traten die Kopfschmerzen sofort seltener auf.

inperspective: Welche anderen Risiko-Elemente gibt es neben den Flokatis?

Andrea: Lacke und Farben, mit denen Büromöbel und Wände veredelt werden, können ebenfalls toxisch sein. Führende Hersteller achten mittlerweile auf dieses Problem. Architekt:innen und Interieur Designer:innen können sich bei diesem Thema nur absichern, wenn sie Lieferanten sorgfältig auswählen.

inperspective: Auch Großraumbüros sollen krank machen und die Produktivität hemmen. Wolf Lotter, ein Journalist und Wirtschaftsphilosoph, bezeichnet sie sogar als Rohrkrepierer.

Andrea: Es gibt zweifellos tolle Großraum-Projekte. Besonders die restaurierten und aufwendig gestalteten Industriehallen. Architektonisch prächtig, stylish, modern. Als Beraterin beobachte ich derzeit aber vermehrt, dass Unternehmen Unsummen in die Auflösung dieser Arbeitswelten investieren.

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inperspective: Das kann nur begrenzt an den Folgen von Corona liegen. Denn laut ZIA – dem Zentralen Immobilien Ausschuss – stiegen im Vorjahr die Anmietungen von Büroflächen deutlich. In sogenannten A-Städten wie Berlin, Hamburg oder München sogar um mehr als 26 Prozent.

Andrea: Dass weniger Menschen in den Büros arbeiten, ist nur ein Motiv für die Auflösung von Großraumbüros. Vielmehr begreifen Unternehmen, dass dieses Konzept einige Mitarbeitende akut belastet. Klar, es gibt Menschen, die die permanente Nähe zu Kolleg:innen brauchen. Sie werden vom direkten Austausch beflügelt, kreativ bestärkt und lieben diese Umgebung. Aber mindestens genauso viele Mitarbeitende fühlen sich exponiert. Den Raum für Ruhe und Individualität, die geschlossene Tür, der eigene Arbeitsplatz – all das macht für sie ein Habitat aus. Wenn dieser Rückzugsraum fehlt, verursacht das dauerhaften Stress. Und dieser wird spätestens über einen außergewöhnlich hohen Krankenstand sichtbar.

»Den Raum für Ruhe und Individualität, die geschlossene Tür, der eigene Arbeitsplatz – all das macht für sie ein Habitat aus. Wenn dieser Rückzugsraum fehlt, verursacht das dauerhaften Stress. «

inperspective: Wie detektieren Unternehmen am besten, ob die aktuellen Arbeitsumgebungen zu den Menschen passen? Ob es noch Büros sind – oder schon Habitate?

Andrea: Wichtig ist ein Grundverständnis: Niemand sollte die Arbeitsumgebung isoliert als Raum betrachten. Die Gestaltung des Büros ist eine Kernkomponente – dasselbe gilt für die Unternehmenskultur. Beide Variablen – Design und Kultur – müssen harmonieren. Das funktioniert am besten mit vertraulichen anonymen Umfragen und regelmäßigen Gesprächen mit allen Beteiligten.

inperspective: Wie fühlen Sie, ob ein Unternehmen dringend eine Anpassung der Arbeitswelten benötigen könnte?

Andrea: Wir müssen dafür nicht mal alle Bereiche eines Offices erkunden. Das offensichtliche Verhalten der Menschen in den Büros verrät genügend. Lächeln sie? Wollen sie sich mit mir und unserem Team unterhalten oder treten sie abgewandt auf? Sprechen die Kolleg:innen miteinander? Wenn Menschen zufrieden mit ihrer Umgebung und der Unternehmenskultur sind, sie ein Habitat gefunden haben, merkt man das den Menschen rasch an.

inperspective: Was ist nun wichtiger beim Wohlfühlen: Raum oder Kultur?

Andrea: Die Unternehmenskultur steht vor allem anderen. Kürzlich waren wir in einem Büro, das kein zeitgemäßer Hingucker war. Aber die Augen aller Beschäftigten strahlten. Es wurde leidenschaftlich über das Unternehmen berichtet. Das begann schon am Empfang. Eine absolut positive Stimmung, motivierte Mitarbeitende. Definitiv nicht alltäglich.

inperspective: Sie sprachen vorhin davon, dass Sie idealerweise mit allen Beschäftigten sprechen wollen. Bei 3.000 Angestellten – oder mehr – klingt das nach einer zeitaufwendigen Sache.

Andrea: In diesen Dimensionen beraten meine Geschäftspartnerin und ich uns mit unserem Team nicht. Projekte müssen steuerbar sein. Sonst sind die Erfolgsaussichten überschaubar.

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inperspective: Sie arbeiten ausschließlich für kleine Unternehmen?

Andrea: Das habe ich nicht gesagt. Auch große Unternehmen gehören zu unserem Portfolio. Allerdings brechen wir sie auf ein Format herunter, indem wir erfolgreich agieren können. Es ergibt oft keinen Sinn, alles auf einmal anzufassen und zu verändern. Stattdessen sollten sie sich über die Team- oder Abteilungsebene – notfalls etagenweise vorarbeiten.

inperspective: Mit diesem kleinteiligen Vorgehen können sich Gestalter:innen von Arbeitswelten rasch in Details verzetteln.

Andrea: Die Versuche für sogenannte One-Size-Fits-It-All-Lösungen mag es geben, sie sind aber wenig nachhaltig. Es braucht individuelle Herangehensweisen und Angebote für Mitarbeitende und Teams mit unterschiedlichen Bedürfnissen. Das zeigt besonders der Blick in die Vergangenheit.

»Die Versuche für sogenannte One-Size-Fits-It-All-Lösungen mag es geben, sie sind aber wenig nachhaltig. Es braucht individuelle Herangehensweisen und Angebote für Mitarbeitende und Teams mit unterschiedlichen Bedürfnissen. «

inperspective: Auf welche Episode wollen Sie hinaus?

Andrea: Die Büros der 70er-Jahre waren schon besonders trist. Es ging in ihnen weniger um Menschen, sondern allein um Arbeit. Dafür wurde alles angeglichen. Gleiche Farben, gleiche Möbel, gleiche Raumgrößen. Dadurch ging die Individualität verloren – und damit auch die Menschlichkeit. Ohne Humanität verspielen Büros ihre Attraktivität. In der aktuellen Zeit, in der Zwang kein Argument für die Office-Rückkehr sein sollte, muss der Arbeitsplatz zwingend eine positive Umgebung sein. Idealerweise bietet sie das, was ich zu Hause nicht finden kann. Austausch, Gemeinschaft, Zugehörigkeit. Ein Ort, an dem man mit anderen für die gleiche Sache arbeitet.

inperspective: Sie versprechen mit Ihrer Geschäftspartnerin, dass Organisationen nicht immer den teuren Umbau benötigen. Schon kleine Anpassungen sollen ausreichend wirksam sein. 

Andrea: Ökonomisch wird es, wenn Unternehmen etappenweise optimieren und umsetzen wollen. Dazu kommt die eingangs angesprochene Tiefenanalyse der Situation. Es gibt Projekte, in denen bereits eine neue Küche, anderes Licht, Trennwände, ein wohl platzierter Wasserspender oder ein zusätzlicher Konferenzraum diverse Missstände und Störungen beheben. Wer Ursachen für Probleme präzise versteht, wird sie rascher lösen. Deshalb funktioniert das Habitat-Design nur mit dem Verständnis für Unternehmenskultur und zeitgemäßes Coaching.

Bereits eine neue Küche, anderes Licht, Trennwände, ein wohl platzierter Wasserspender oder ein zusätzlicher Konferenzraum können diverse Missstände und Störungen beheben.

inperspective: Um auf die vorherige Antwort zurückzukommen: Passt ein heute verbreiteter Begriff wie Clean Desk, der durch zahlreiche Büros wabert, besser in die 70er- und 80er-Jahre als in das aktuelle Jahrzehnt? Immerhin sieht das gleichnamige Konzept vor, dass sich mehrere Mitarbeitende emotionslos einen Arbeitsplatz teilen.

Andrea: Es ist eine sterile Arbeitsform. Wenig einladend, kalt. Langfristig unwirtschaftlich.

inperspective: Beim letzten Punkt würden Betriebswirt:innen widersprechen: Es stehen weniger Tische leer.

Andrea: Dafür ist es eher unwahrscheinlich, dass Mitarbeitende in der Zeit, in der sie so ein Clean Desk nutzen, ihr Potenzial entfalten. Faktoren, die zu Produktivität beitragen, fehlen. Genau das kann auf Dauer unwirtschaftlicher sein als ein zeitweise unbenutzter Schreibtisch.

inperspective: Wie können herkömmliche Büros in der Ära des Homeoffices wirtschaftlich bleiben?

Andrea: Wir sprachen vorhin über den Großraum. Dieser ist besonders in Sachen Wirtschaftlichkeit ein Riesenthema. Mietpreise für große Räume, in denen nur wenige Leute sitzen, sind hoch. Sie zu beheizen wiederum sehr teuer. Das ist wenig ökonomisch, passiert aber täglich. Kleinere, weil separierte Einheiten lassen sich individueller bewirtschaften und stellen für das Team weitaus mehr Individualität dar.

inperspective: Wir sprachen über Themen wie Krankheiten, Kultur, das Wohlfühlen, jetzt über Geld. Ein breites Spektrum.

Andrea: Genau deshalb ist das Habitat-Design eine holistische, also eine ganzheitliche Aufgabe. Im System Büro wirken Menschen und Umgebungsfaktoren permanent aufeinander ein. Da muss man als Gestalterin oder Gestalter die Dynamiken verstehen.

»Ohne Humanität verspielen Büros ihre Attraktivität. In der aktuellen Zeit, in der Zwang kein Argument für die Office-Rückkehr sein sollte, muss der Arbeitsplatz zwingend eine positive Umgebung sein. «

inperspective: Was ist DER typische Fehler, den Unternehmen mitsamt ihren Architekt:innen machen?

Andrea: Vor lauter Designliebe vergessen sie die Funktionalität. Es ist nachvollziehbar, warum Unternehmen den Look ihrer Arbeitswelten priorisieren. Sie sind ihre Aushängeschilder, ihre Showrooms. Doch leidet die Funktionalität unter dem Design, rächt sich das später. Das Wohlbefinden der Mitarbeitenden sinkt und damit Leistung und Loyalität.

inperspective: Wann ist ein Büro dysfunktional?

Andrea: Eine mir bekannte Firma hat während eines Neubaus das Visuelle bevorzugt, währenddessen aber die absoluten Kernbedürfnisse der Menschen vergessen. Die Toiletten waren für viele Beschäftigte schwer zu erreichen. Gleiches galt für die Büroküche, die wenig durchdacht platziert war. Die Beschattung der Räume war nicht ausreichend, somit war die Temperatur im Sommer kaum erträglich. Ein toll designtes Büro, das die Grundbedürfnisse der Mitarbeitenden missachtet, wird auf Dauer weder nachhaltig begeistern noch motivieren. In Zeiten des Homeoffices heißt das: Der Ort wird gemieden.

inperspective: Sie führten in diesem Gespräch verschiedene Punkte an, die das Wohlbefinden im Büro beeinflussen. Welcher Aspekt lässt sich am schwierigsten positiv gestalten?

Andrea: Grundsätzlich lassen sich alle Faktoren eines Habitats verbessern. Schwieriger ist das mit den Entscheider:innen. Wer seinen Bedarf verkennt, wer glaubt, dass keine Probleme existieren, wird sich nicht mit einer professionellen Analyse oder Beratung beschäftigen. Wenn sie sich doch melden, fehlt die Offenheit für die notwendigen Anpassungen – oder der Mut. Manchen Führungskräften ist Veränderung zu fremd. Erst wenn es an Bewerbungen mangelt oder die Fluktuation steigt, der Zwang wirkt, schwenken diese Firmen um.

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inperspective: Was raten Sie Unternehmen, damit Sie den Wandel der Arbeitswelten nicht versäumen?

Andrea: Ausdauer. Es sind dynamische Prozesse, die Arbeitsorte prägen. Sie verlangsamen sich nicht, nur weil man ein Projekt aktiv umgesetzt hat. Es braucht einen ausdauernden Blick auf die Themen. Vor allem den nach innen. Regelmäßige Fragebögen und Gespräche mit Beschäftigten können helfen, dass Unternehmen die Missstimmungen in ihren Teams rascher bemerken. Die Thematik mit den Kopfschmerzen – ein krasses Beispiel – wäre so bestimmt früher aufgefallen. Man hätte sich Zeit, Geld und Aufwand sparen können.

inperspective: Im vergangenen Jahr haben sich die Arbeit und die Orte, an denen sie stattfindet, deutlich gewandelt. Manche Unternehmen gehen voran, einige schlurfen allenfalls mit. Welche Entwicklung antizipieren Sie für 2023?

Andrea: Unternehmen müssen weiterhin flexible und attraktive Arbeitsorte schaffen. Und das gilt genauso für das Homeoffice. Wer das Potenzial seiner Mitarbeitenden entfalten möchte, muss dafür sorgen, dass sie 100 Prozent ihrer Zeit unter guten Bedingungen tätig sind. Auch der Heimarbeitsplatz muss dabei inbegriffen sein. Bislang überlassen viele Firmen ihre Angestellten der Selbstverantwortung am Küchentisch. Unternehmen, die rechtzeitig aktiv werden und das gesunde Homeoffice priorisieren, können sich als besonders attraktive Arbeitgeber präsentieren. Und zugleich von der Konkurrenz abheben.