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Ein Artikel aus der Episode #6Das gesunde Büro

"Manche Unternehmen denken zu konservativ"

Der Sportwissenschaftler Tim Bräuer begleitet Unternehmen bei der Gestaltung von gesunden Arbeitsplätzen.

Der Sportwissenschaftler Tim Bräuer ist Experte für Betriebliches Gesundheitsmanagement. Er glaubt: Für einen gesunden Arbeitsplatz braucht es nicht nur eine moderne Ausstattung, sondern auch das richtige Mindset der Mitarbeiter. 

von Hannes Hilbrecht

inperspective: Tim, was macht einen gesunden Arbeitsplatz aus?

Tim: Die meisten Krankheiten sind nicht angeboren, sondern treten im Laufe des Lebens auf. Menschen können viel tun, um verschiedene Erkrankungen zu vermeiden und ihre Gesundheit zu stärken. Auch und besonders im Büro. Ganz allgemein würde ich deshalb zusammenfassen: Ein gesunder Arbeitsplatz sorgt dafür, dass sich der Mitarbeiter physisch und psychisch wohl fühlt. 

inperspective: Nun betreust du mit deinem Unternehmen einige Kunden und besuchst viele Büroflächen. Wie "gesund" sind die Büros heutzutage?

Tim: Die Eindrücke klaffen sehr weit auseinander. An einem Tag betreten wir absolut fantastische Arbeitsumgebungen, die an die farbenfrohen Design-Welten von Google erinnern. Dann treffen wir auf Unternehmen, die sich zumindest bemühen und erste Veränderungen einleiten. Und dann, das passiert erstaunlich oft, begeben wir uns in manchen Büros auf eine Zeitreise sehr weit zurück in die Vergangenheit. Enge Räume, klobige Möbel, wenig Tageslicht, dafür Aktenberge auf den Tischen. Da fühlt sich niemand wohl. Genau das kann nicht gesund sein. 

inperspective: Welche gesundheitlichen Folgen drohen in unzeitgemäßen Büros?

Tim: Büromitarbeiter verbringen die meiste Zeit des Arbeitstages im Sitzen. Über Rückenschmerzen, die durch eine schlechte Sitzhaltung oder eine falsche Positionierung der Möbel entstehen, wird bereits viel gesprochen. Das ist gut. Rückenschmerzen und Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems sind wei­terhin der häufigste Grund für Fehlzeiten im Job. Aber besonders die psychischen Belastungen und Erkrankungen nehmen bei Büroarbeitern deutlich zu. Das sagen nicht nur die Statistiken, sondern ergeben auch unsere Gespräche und Analysen vor Ort.

inperspective: Woran liegt das?

Tim: Die Arbeitswelt erfährt seit einigen Jahren einen grundlegenden und strukturellen Wandel. Durch die Digitalisierung und der gesteigerten Konnektivität entsteht eine Verdichtung der Arbeitsbelastung mit stetig neuen Anforderungen. Abseits der Kernaufgaben sind sich Unternehmen der psychischen Folgen gar nicht bewusst, die durch Lärmbelastungen oder schlechte Lichtverhältnisse entstehen können. Entweder weil die Führungskräfte selbst betroffen sind und die Lage nicht richtig von außen erfassen können. Oder weil sie abgeschirmt in Einzelbüros sitzen und die Alltagsprobleme ihrer Mitarbeiter kaum wahrnehmen. 

inperspective: Also sind die schlecht geplanten Büros, die gesundheitlicher Risikofaktor sein können, eher eine Art "Unfall" als wirtschaftliches Kalkül?

Tim: Sehr oft wird aus Unwissenheit nichts verändert oder angestoßen. Das meint kein Entscheider böse. Die Anforderungen an den Arbeitsschutz, aber auch das Verständnis von Büroaufteilungen – hier Chef, da Mitarbeiter – waren bei der Planung vor 20 oder 30 Jahren noch ganz anders. Von den damaligen Ansprüchen an Design und Wohlfühlfaktoren möchte ich gar nicht erst sprechen. Und ganz wichtig: Oftmals sind die Betroffenen für ihre gesundheitlichen Probleme mitverantwortlich, weil sie sich falsch in ihren Büros verhalten. Das passiert in der Regel ebenfalls aus Unwissenheit oder Gewohnheit. 

inperspective: Das klingt nach einem tief verwurzelten Problem. Wie können Unternehmer, Innenarchitekten und Büroplaner diesen Missständen vorbeugen?

Tim: Im Betrieblichen Gesundheitsmanagement unterscheiden wir zwischen Verhältnis- und Verhaltensproblemen. Selbst wenn die Bedingungen im Büro durch qualitativ minderwertige Büromöbel oder unzureichende Lichtverhältnisse denkbar ungünstig sind, können die Mitarbeiter durch ihr Verhalten noch etwas für ihre Gesundheit tun. Andererseits gibt es annähernd perfekt eingerichtete und geplante Büros, in denen die Mitarbeiter trotzdem sogenannte Bürokrankheiten ausprägen. Weil sich die Menschen an ihren Arbeitsplätzen grundlegend falsch verhalten. Die Aufklärung über problematische Verhaltensweisen gehört deshalb genauso zu unserem Job wie die Beratung bei der Arbeitsplatzgestaltung. Zielführend wäre es, wenn die verschiedenen Bereiche enger zusammenarbeiten würden. So könnten wir nach abgeschlossener Planung und Ausstattung die Mitarbeiter in den richtigen Verhaltensweisen schulen. 

Moderne Apps bieten nicht nur viele Informationen über gesundes Arbeiten, sondern animieren auch zu mehr Bewegung.

inperspective: Wie können sich Büromitarbeiter falsch verhalten?

Tim: Zu langes Sitzen belastet zum Beispiel die Bandscheiben und vermindert die Durchblutung der Rückenmuskulatur. Durch den Bewegungsmangel und der einseitigen körperlichen Belastung kommt es zu Muskelverkürzungen, Verspannungen und Fehlhaltungen. 

inperspective: Und was wäre die erste Sofortmaßnahme dagegen?

Tim: Es gibt eine simple Formel: 60 Prozent sitzen, 30 Prozent stehen, 10 Prozent aktive Bewegung. Wenn ein Büromitarbeiter diese Werte während eines normalen Bürotags erfüllen kann, tut er seinem Körper während der Arbeitszeit zumindest nichts Schlechtes. Je mehr Abwechslung er in seinen Alltag integriert, desto besser ist das am Ende für die eigene Gesundheit. Mein Tipp für sogenannte Vielsitzer: Die beste Sitzposition ist die nächste.

inperspective: Wie kann die Büroplanung das richtige Verhalten der Mitarbeiter beeinflussen?

Tim: Das Büro, die Einrichtung und der Arbeitsablauf geben Rahmenbedingungen vor. Diese können das Verhalten der Mitarbeiter lenken. Ein einfacher Tipp, den wir Mitarbeitern in den Büros immer geben: während des Telefonierens am besten aufstehen und gehen. Das entspannt die Körperhaltung und ist gesund. Problematisch wird es in sehr engen und überfüllten Büros. Würden da plötzlich alle Kollegen beim Telefonieren loslaufen, gäbe es Chaos. Der Lärmpegel würde wahrscheinlich ansteigen und für massive Beeinträchtigungen sorgen. Generell helfen Räume, in denen die Angestellten entspannt und schlendernd telefonieren können. Open-Space-Bereiche und nette Aufenthaltsräume bieten ebenso das Potenzial für eine rasche Verbesserung. 

inperspective: Warum?

Tim: Wenn die Mitarbeiter ihre Pausen am Schreibtisch verbringen, ist das problematisch. Sie bewegen sich weder vor noch nach dem Essen. Der Körper bekommt nicht die notwendige Bewegungs- oder Stehphase. Je attraktiver und entspannender Unternehmen die Aufenthaltsräume gestalten, desto frequentierter werden diese von den Angestellten besucht. So kann man über Designelemente und attraktive Räume das Verhalten der Mitarbeiter steuern.

inperspective: Ich habe von einem Londoner Unternehmen gelesen, das seinen Mitarbeitern ein besonderes Benefit anbietet: Wenn die Mitarbeiter von zuhause aus ins Büro joggen, wird der Arbeitsweg teilweise als Arbeitszeit anerkannt. Weil die Gedanken beim Laufen fließen und Sport gesund ist. 

Tim: Das ist ein sehr interessanter Ansatz. Aber da benötigt es ja noch mehr als das bloße Zugeständnis bei der Arbeitszeit. Zum Beispiel die entsprechenden sanitären Einrichtungen zum Duschen. Was wir erkennen: Immer mehr Unternehmen versuchen spezielle Bewegungsangebote in die Büros zu integrieren. Ein Sportraum mit Geräten kann wunderbar die Gesundheit der Mitarbeiter fördern. Zudem bekommen sie während der Arbeitszeit die entsprechende mentale Entspannung. Dabei helfen uns auch immer mehr digitale Angebote, bei denen Mitarbeiter jederzeit Zugriff auf Gesundheitsinformationen haben. Idealerweise werden die Menschen an den Schreibtischen per Benachrichtigung an die notwendigen Bewegungsphasen erinnert. So wird auch die Bindung zwischen Mitarbeiter und Firma gestärkt, was in Zeiten des Fachkräftemangels nicht zu vernachlässigen ist. Unternehmen sollten sich also aktiv als gesunder und moderner Arbeitgeber positionieren. All das wirkt sich am Ende auch positiv auf die Mitarbeiterproduktivität aus.

inperspective: Nun sind das aber Vorhaben, die sehr viel Geld kosten. Sind Unternehmen überhaupt bereit, so viel Geld auszugeben?

Tim: Manche Unternehmen denken häufig zu konservativ und trauen sich manche Ideen gar nicht zu. Selbst für kleine Verbesserungen sind sie nur schwer zu begeistern. Einige hängen, wahrscheinlich aus Gewohnheit, noch sehr an den Büros aus den 90ern. 

inperspective: Aber sind die finanziellen Belastungen eines Büros-Umbaus ein Argument, das du leicht wegdiskutieren kannst?

Tim: Investitionen kosten immer etwas, bevor sie sich auszahlen. Das wird sich nie ändern. Doch die Ausfälle, die Unternehmen durch Krankentage oder mangelnde Produktivität langfristig hinnehmen müssen, sind nachweislich weitaus höher als die initialen Ausgaben. Genau davon müssen wir als Berater unsere Kunden überzeugen: Dass sich das Investment in eine ergonomische Büroausstattung in Begleitung mit dem Coaching der Mitarbeiter in sehr vielen Bereichen lohnen kann.

inperspective: Ein anderer Ansatz: Digitale Arbeitgeber versprechen neuen Mitarbeitern Budgets, mit denen sie ihre Arbeitsplätze einrichten können. Das gilt vor allem für Technik, könnte aber auch das Mobiliar betreffen.

Tim: Wenn sich Mitarbeiter ihre eigenen Büromöbel kaufen, könnte das schnell enden wie bei einem Kind im Spieleparadies. Es werden die Produkte gekauft, die uns am besten gefallen. Der Mensch sucht sich nicht das aus, was er eigentlich benötigt, sondern das, was er zu benötigen glaubt. Das liegt in seiner Natur. Ein besserer Ansatz wäre die Anschaffung von neuen Büromöbeln unter professioneller Begleitung. Und Experten, die vor, während und nach der Anschaffung beraten. 

inperspective: Was macht ein gutes Büromöbel aus?

Tim: Ich schätze Tische und Stühle, die sich am menschlichen Körperbau, besonders an der Wirbelsäule, orientieren. Je leichter und individueller Schreibtische und die dazugehörigen Stühle einstellbar sind, desto besser können wir sie auf die unterschiedlichen Proportionen der Mitarbeiter anpassen. Wichtig ist hierbei: Der normale Mitarbeiter hat nur ein Gefühl, was gut für ihn ist. Doch Irren ist menschlich. Mitarbeiter sollten hier die Chance zu einer professionellen Ergonomieberatung bekommen. Ansonsten stimmt zwar das Verhältnis am Arbeitsplatz, aber nicht das Verhalten. 

inperspective: Welche Innovation wünscht du dir für das gesunde Büro?

Tim: Ich wünsche mir nicht vordergründig besonders ausfallende Tische, hochmodernes Licht oder bequeme Stühle. Da gibt es schon Hersteller, die die entsprechenden Produkte anbieten und weiterentwickeln. Wichtiger ist es, sich mit dem Thema "Gesundheit am Arbeitsplatz" überhaupt zu beschäftigen. Mitarbeiter brauchen mehr Anreize und Informationen. Unabhängig von den wirtschaftlichen Möglichkeiten des Arbeitgebers können die Mitarbeiter sehr oft über Verhaltensanpassungen sehr viel für die eigene Gesundheit tun. Oder eben notwendige Verbesserungen in ihren Arbeitswelten bei Vorgesetzten vehementer einfordern. Meine Wunschinnovation wäre daher ein festes Zeitbudget, dass Mitarbeiter für ihre Gesundheit nutzen können. Und genau das pilotieren wir bereits mit einigen Unternehmen.

Das Strecken nicht vergessen: Oft resultieren Rückenleiden aus dem eigenen Fehlverhalten der Mitarbeiter.
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