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Probier's mal mit Gemütlichkeit

Gemütlichkeit und volle Leistung – das schließt sich nicht aus, schreibt Hannes Hilbrecht, inperspective-Autor und Fan von Balu dem Bären.

Menschen leben, denken und fühlen mit vielen Sinnen. Arbeitswelten werden meist jedoch vor allem visuell designt. Ein Plädoyer für mehr Mut und Vielfalt beim Sinngeben.

von Hannes Hilbrecht

In einer Badewanne ist Musikgeschichte entstanden. Zumindest besagt das eine Erzählung um den sagenumwobenen Freddie Mercury. Den Welthit "Crazy Little Thing Called Love" hat der Queen-Sänger angeblich in zehn Minuten in einem Münchner Hotel geschrieben, während einer kurzen Pause im Schaumbad. Mercury hat es mit Gemütlichkeit probiert – und abgeliefert.

Die Anekdote um das kreative Bad klingt bizarr, ist aber nicht allzu verwunderlich. Badewannen sind friedvolle Orte und ein bevorzugtes Habitat des Menschen. Fast zwei Jahre verbringt der Durchschnittsdeutsche Zeit seines Lebens in der Wanne. Der Körper fühlt sich im warmen Wasser geborgen, der Haut wird geschmeichelt. Es riecht nach Eukalyptus, Magnolie oder veganer Badewannenkugel. Unsere Geruchsnerven in der Nase tanzen Cha-Cha-Cha. Wenn Kerzen flackern, das Licht pulsiert, Katie Melua die Ohren massiert, ist das Gehirn multisensorisch erregt. Wir fühlen uns gut. Gedanken sprudeln für die Steuererklärung oder den nächsten Welthit. Wir brauchen mehr Badewannen in unseren Büros!

Je mehr unserer Sinne wir positiv stimulieren, desto wohler fühlen wir uns. Und mit unserem Wohlfühlen korreliert erwiesenermaßen unsere Kreativität und Produktivität. Können Unternehmen, Architekten und wir selbst die Entstehung dieser "produktiven Heimeligkeit" in unseren Alltagen systematisieren?

1. An die Büroarbeiter: try and error

Über vier Wochen habe ich an dieser inperspective-Edition über Sinne mitgearbeitet. Und in dieser Zeit durfte ich mich nicht nur mit Fachleuten über Urinstinkte, Reize und ihre neurologischen Potenziale unterhalten. Ich fragte und frage mich noch immer: Können wir Büroheinis unsere Leistungsfähigkeit optimieren und positiver gestimmt unsere Aufgaben erledigen, wenn wir uns für die Fähigkeiten unserer Sinne sensibilisieren?

Ja. Können wir. Natürlich.

Motivationstrainer wie Andreas Kuffner, Olympiasieger im Deutschlandachter, empfehlen genau das ständig. Wer in den Flow kommen will, muss den idealen Rahmen, die ideale Ausgangssituation finden. "Jeder sollte sich fragen: Wann war ich schon mal in einem Flow? Was waren damals die Gegebenheiten, unter denen dieser Arbeitsfluss entstand? Gab es spezielle Bedingungen, Ressourcen, eine besondere Atmosphäre? Wie kann ich diese Ressourcen und Bedingungen in einen für uns notwendigen Kontext transferieren?", sagt Andreas Kuffner in einem Interview.

Mein Projekt "sinnoptimiertes Arbeiten" begann bei meinem Gehör. Ich höre während der Arbeit viel Musik. Um mich im Büro von Nebengeräuschen abzuschirmen und in eine akustische Höhle zu kriechen. Oder um mich zu motivieren. In meiner Moleskine, meiner Kladde, mache ich mir nun am Feierabend Notizen. Welche Musik hat mich abgeschirmt und inspiriert? Welche Beschallung eventuell abgelenkt? Dank meiner Spotify-Playlists und meiner Tagesarbeitsergebnisse konnte ich mit den Wochen erste Anhaltspunkte dechiffrieren. Musik ohne Gesang wirkt bei mir besser als lyrische Liedkunst. Klassik ist hilfreicher als vokallose elektronische Tanzmusik. Nur Beethoven ist zu mächtig, zu überraschend, zu fantastisch für tiefe und lange Konzentrationsphasen. Brahms hilft dagegen fast immer beim Flowfinden. Seine Melodien rauschen dahin, gefallen, das aber auch nicht zu sehr. Brahms ist gut für nebenbei.

Das sind alles subjektive Eindrücke, doch mit ihnen fängt es immer an. Wir sollten uns häufiger bewusst hinterfragen, wie wir die verschiedensten Sinnesreize vertragen. Wir sollten unbekannte Geräusche ausprobieren, neue Songs hören, die Lichtintensität variieren, die Temperatur im Raum anders regulieren. Ähnlich, wie wir moderne Stühle und Schreibtische auf unsere Proportionen hin definieren können, lässt sich unser Wohlempfinden durch die proaktive Arbeit mit unseren Sinnen modellieren. Am Arbeitsplatz im Büro und noch wichtiger, weil mehr individueller Raum und Anonymität vorhanden: im Homeoffice. Das verlangt Geduld. Wer jedoch mit seinen Sinnen experimentiert, am Schreibtisch Neues wagt und ausprobiert, merkt schnell, wie eingefahren die eigenen Sinneswelten früher vielleicht einmal waren.

inperspective-Autor Hannes Hilbrecht setzt sich im Büro und im Wiesenoffice mit sinnvollen Sinnesreizen auseinander.

2. An Unternehmen: besser als daheim

Apropos Homeoffice. Unternehmen befinden sich momentan in Zeiten der Umwälzung. Das liegt an der verschleppten Digitalisierung, an Covid-19 und der virusbedingten Homeofficesierung von modernen Wirtschaftsnationen. Der Siemens-Konzern kündigte bereits medienwirksam an, das Homeoffice für Mitarbeiter leichter und häufiger zu ermöglichen.

Die Arbeit von daheim bietet Chancen und kann Produktivitätsschübe auslösen. Sie birgt aber auch Gefahren. Unternehmen benötigen besonders in Krisenzeiten das volle Commitment der Mitarbeiter. Die Arbeitnehmer wiederum sehnen sich nach Identifikation und Sicherheit. Das alles kann durch die Zunahme von Heimarbeit mitunter weniger selbstverständlich werden.

Bei einer bequemen Alternative wie dem Homeoffice müssen Büros noch mehr gefallen. Dieser Trend zur Mitarbeiterfreundlichkeit ist nicht neu. Nur wird es künftig schwieriger für Unternehmen, diese Attraktivität zu erzeugen, wenn Mitarbeiter seltener vor Ort sind, die Anzahl der gemeinsamen Touchpoints schwindet. Sofa und Küchentisch sind Konkurrenten, gegen die sich Firmen behaupten müssen.

Wenn Unternehmen ihre Mitarbeiter trotz steigender Homeoffice-Zeiten an sich emotional binden wollen, müssen sie in den eigenen Räumen mehr Identifikation stiften. Der Sound eines Büros, vielleicht sogar der Geruch, ganz sicher die Einrichtung und der Arbeitskomfort müssen noch wertschätzender werden. Oder plakativ: besser als Zuhause.

3. An die Planer und Innenarchitekten: Viele Sinne führen nach Rom

Wir sehen, hören, riechen, schmecken und fühlen. Und dazu kommt noch ein sechster Sinn, und der hat nichts mit Bruce Willis und seinem Blockbuster "The Sixt Sense" zu tun: unser Gleichgewichtssinn.

Glauben wir der Wissenschaft, besitzen wir insgesamt 13 Instinkte. Dazu zählen unser Temperaturempfinden (Thermorezeption) und die Selbstwahrnehmung (Propriozeption). Unabhängig von diesen wissenschaftlichen Horsd’œuvres können diese Erkenntnisse für Architekten und Raumplaner eine Steilvorlage bei der Bürogestaltung bieten. Sozusagen eine Checkliste. Wie viele Sinne spricht das erdachte Office-Design an? Ja, wie viele eigentlich?

Klicke ich mich durch OfficeLovin, einem Portal, das moderne Büro-Best-Practices sammelt, bemerke ich häufig, wie eindimensional der Mensch gestrickt ist. Beinahe alles, was zählt, ist visueller Natur. Wir loben Farben, Beleuchtungskonzepte, weitläufige Räume, die Kurven der Stühle, den Glanz der Tische. Als ob wir allein mit unseren Augen entscheiden würden, ob uns ein Ort gefällt. Genau das tun wir nicht. Unsere Gehirne denken multisensorisch.

Während zumindest die Raumakustik in den Büros ein zusehends dominantes Thema wird, fristen viele andere Sinne bei der Konzeption von Arbeitswelten ein Randdasein. Dabei ergibt sich erst aus dem Zusammenspiel von allen menschlichen Wahrnehmungen ein harmonisches Mosaik, sagen Experten wie DJ- und Sound-Marketer Robin Hofmann. Was wäre der Hollywood-Film ohne Soundtrack? Der Wein ohne die geübte Riechpose als Feierabendsommelier?

Für Architekten und Raumplaner bietet die Anzahl der menschlichen Sinne kreative Chancen. So könnten sie zum Beispiel Open-Space-Areas mit unterschiedlichen Temperaturkonzepten planen. Für temperatursensitive Menschen, die bereits in "normal klimatisierten Räumen" stark schwitzen, wären deutlich abgekühlte Aufenthaltsbereiche eine Verlockung. Die Zeiten, in denen die Kälteempfindlichen die Schwitzer unabsichtlich diskriminieren (und andersherum), wären vorbei.

Genauso könnten biophile Raumkonzepte, die mit viel Grün und Waldoptik die Natur ins Großstadtbüro locken sollen, durch Geräusche und Duftkonzepte ergänzt werden. Und so noch stärker für ein multisensorisches Erlebnis aufblühen. Das wird einigen Mitarbeitern nicht gefallen – dafür vielen anderen richtig gut. Wer moderne Arbeitswelten betritt, die mit verschiedensten Räumen und Fluren aufwarten, stellt häufig ernüchtert fest: Die Räume sind visuell unterschiedlich und toll akzentuiert. Davon abgesehen bleibt die Kulisse aber oft einheitlich. Gleicher Geruch, gleiche Temperatur, identischer Sound oder sterile Stille. Da geht noch mehr! Viele Sinne führen nach Rom. Hieß doch so, oder?

Wenn dieses ominöse "Mehr" gelingt, bekommen ausgewählte Räume auch ohne Bassins ihr Badewannenflair. Und kleine und große Freddie Mercurys können in lichten Momenten geniale Ideen spinnen.

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