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Ein Artikel aus der Episode #12Sinnvolles

Der richtige Duft: Macht Minze produktiv?

Professor Johannes Frasnelli widmet sich der Geruchsforschung. An der Université de Montréal im kanadischen Quebec lehrt der gebürtige Schweizer das Fach Anatomie.

In Arbeitswelten werden Design, Licht, Akustik und Temperatursteuerung fortwährend optimiert. Doch was ist mit dem Duft? Ein Interview mit dem renommierten Geruchsforscher Prof. Johannes Frasnelli von der Universität Quebec.

von Hannes Hilbrecht

inperspective: Professor Frasnelli, Sie sind in der Schweiz geboren, in Südtirol aufgewachsen und leben und arbeiten nun seit vielen Jahren in Kanada. Kann man die Menschen in Übersee besser riechen?

Prof. Johannes Frasnelli: Ich möchte die Frage andersherum beantworten: Die Nordamerikaner können uns Europäer nicht allzu gut riechen. Ein Körpergeruch, den wir in Europa kaum wahrnehmen, der für uns noch akzeptabel ist, fällt in den USA oder Kanada bereits als unangenehm auf.

inperspective: Warum?

Prof. Frasnelli: Es ist kein genetischer Unterschied, sondern ein kultureller. In Nordamerika gibt es andere Hygienestandards. Die Menschen duschen häufiger, manche mehrmals am Tag. Die Nasen der Einheimischen reagieren viel intensiver auf den für sie ungewohnten Schweißgeruch.

inperspective: Warum riechen Menschen manchmal streng, und was beeinflusst unseren Körpergeruch?

Prof. Frasnelli: Wir schwitzen über unsere Haut vor allem Wasser und Salz aus, also Salzwasser. Das ist weitgehend geruchlos. Im Achsel- und Genitalbereich sondern wir andere Gerüche ab. Diese sind sehr individuell. Jeder Mensch – mit Ausnahme von eineiigen Zwillingen – hat seinen exklusiven Körpergeruch. Diesen Geruch können wir modellieren, mit Pflegeprodukten oder über unsere Ernährung. Essen wir Knoblauch oder Curry, riechen wir nicht nur aus dem Mund danach.

inperspetive: Riechen wir immer bewusst, oder nimmt unser Hirn auch unterbewusst Informationen aus der Luft wahr?

Prof. Frasnelli: Wir riechen andauernd. Mit jedem Atemzug schleusen wir Duftmoleküle in unsere Nase. Die Informationen werden sofort ins Gehirn weitergeleitet. Tatsächlich sind wir uns in den allermeisten Fällen gar nicht bewusst, dass wir etwas riechen. Wir nehmen den Geruch nur bewusst wahr, wenn er sich schlagartig verändert oder besonders intensiv ist. Wir kennen das aus schlecht belüfteten Sälen oder Büros, in denen 20 Menschen sitzen. Kommt jemand neu dazu, nimmt diese Person einen strengen Geruch wahr. Die Menschen, die schon im Raum sind, bemerken diesen gar nicht.

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inperspective: Welche Wirkung können unterbewusste Geruchswahrnehmungen erzielen?

Prof. Frasnelli: Gute Beispiele sind die eigene Wohnung oder die Bettwäsche. Wir nehmen den Geruch von unserem Zuhause gar nicht mehr bewusst auf. In unserem Gehirn können vertraute Düfte trotzdem ein Gefühl von Sicherheit auslösen. Sie haben unterbewusst Einfluss auf unsere Psyche. So ist es erwiesen, dass der Duft der Eltern, vor allem der Mutter, auf Kinder beruhigend wirkt. Gerüche, denen wir uns kaum oder gar nicht bewusst sind, können uns sexuell erregen oder entregen. Bei Frauen entscheidet noch stärker als bei Männern der Körpergeruch über die Attraktivität des Gegenübers.

inperspective: Was passiert in unserem Gehirn, wenn wir riechen?

Prof. Frasnelli: Wenn wir durch die Nase atmen, befeuchten und filtern wir die eingesaugte Luft. Die Duftmoleküle docken an den Riechzellen an, diese befinden sich in der sogenannten Riechschleimhaut. Dort passen einzelne Stoffe wie Schlüssel auf die Rezeptoren. Wir erleben einen Nervenimpuls. Dieser wird ins limbische System weitergeleitet. Das ist ein besonderes Areal in unserem Gehirn, das mehr steuert als unsere Reaktionen auf Riechreize. Wir erinnern und lernen mithilfe unseres limbischen Systems, wir entwickeln Emotionen. Es ist ein hochfunktionaler Bereich, den die Duftstoffe stimulieren.

inperspective: Wie beeinflussen unsere Erinnerungen unser Ge- oder Missfallen für einen Geruch?

Prof. Frasnelli: Sehr stark. Als ich ein Kind war, hat ein Feuerteufel in der Nähe der Wohnung meiner Eltern ein Auto angesteckt, mitten in der Nacht. Spannend für einen Neunjährigen. Wenn ich heute verbranntes Gummi rieche, denke ich zurück. Der Geruch löst Aufregung in mir aus. Die Emotionen, die wir mit einem Duft verbinden, prägt langfristig unser Empfinden beim Riechen. Jemand, der einen schweren Autounfall überlebt, wird bei Schwaden von verbranntem Gummi wahrscheinlich keine Aufregung, sondern bewusst oder unterbewusst Angst empfinden.

inperspective: Lassen Sie uns über Gerüche und das Büro sprechen. Seit Jahren ist bekannt, dass Lärm krank machen kann, weil er uns stresst. Können Gerüche Krankheiten auslösen oder begünstigen?

Prof. Frasnelli: Ich bin davon überzeugt, dass wir in 20 Jahren genauso über Geruchsbelästigung sprechen werden wie wir es mittlerweile über Lärmbelästigung tun. Vor zwei Jahrzehnten waren gesundheitliche Schädigungen durch Lärm kein Thema, ähnlich wie viele Menschen Gerüche heutzutage nicht als schädlich erachten. Dabei lösen auch sie Stress aus. Und wir wissen nicht, wie sich Geruchsbelastungen noch auf unseren Organismus auswirken können.

inperspective: Gibt es Ansatzpunkte, um medizinische Folgen von strengen Gerüchen – zum Beispiel auf Büroarbeiter – zu erahnen?

Prof. Frasnelli: Es gibt Menschen, die aufgrund einer Hypersensibilität gesundheitlich akut unter Gerüchen leiden. Sie reagieren extrem auf jede Art von Duft, können nur unparfümierte Seifen benutzen und kein Eau de Toilette auftragen. Die Folgen spürt der Körper sofort, denn die Betroffenen fühlen sich stark unwohl.

inperspective: Was sind die Schwierigkeiten, wenn Unternehmen oder Architekten Gefahren durch Gerüche präventiv ausschließen wollen?

Prof. Frasnelli: Die Individualität beim Wahrnehmen von Gerüchen. Ein Beispiel ist eine Schweinemastanlage in der Nähe eines Dorfes. Der Geruch ist intensiv. Jemand, der für den Mastbetrieb arbeitet und schon viele Jahre im Dorf wohnt, wird davon nicht gestresst, selbst wenn die Konzentration der Moleküle steigt. Zieht jemand neu in den Ort, und die Schweinemastanlage erhöht den Betrieb, es stinkt mehr, können Menschen, die nicht daran gewöhnt sind, sehr darunter leiden. Dem einen fällt es nicht auf, beim anderen sinkt die Lebensqualität.

inperspective: Sind diese entsprechenden Wirkungen auf unser Gehirn nachweisbar erforscht?

Prof. Frasnelli: Wir haben experimentell nachweisen können, wie sehr unsere Erinnerung und Erwartungshaltung die Duftwahrnehmung beeinflusst. Wir haben Probanden beispielsweise eine Duftprobe mit Parmesan vorgesetzt. Die meisten mochten diesen sehr strengen Geruch. Sie fühlten sich an den vergangenen Italienurlaub erinnert, an Pasta, Pizza, Salat. Danach haben wir die gleiche Duftprobe als Erbrochenes etikettiert. Und diejenigen, die denselben Duft eben noch als appetitlich wahrgenommen hatten, empfanden plötzlich Ekel.

inperspective: Anders gefragt, ich denke an Tigersalbe, Erkältungsbäder im Winter, ätherische Öle: Können Gerüche Heilungsprozesse unterstützen oder Stresserkrankungen bei Büromitarbeitern vorbeugen?

Prof. Frasnelli: Interessant, dass Sie das ansprechen. Erkältungsbäder oder ähnliche Präparate, die Eukalyptus, Kampfer (bekannt als Tigerbalsam) oder Menthol enthalten, reizen nicht nur unsere Riechnerven, sondern auch den Trigeminus, den fünften Hirnnerv. Die angesprochenen Gerüche sorgen an den Rezeptoren des Trigeminus für eine Erregung. Wir glauben, kalte Luft zu atmen. Das suggeriert uns, dass der verstopfte Naseneingang freier sein muss. Aber das stimmt gar nicht. Erkältungsbäder lindern keine Schwellungen in der Nase. Sie kommt uns nur freier vor. Wir überlisten unsere Sinne, manipulieren unsere Wahrnehmung. Einen pharmakologischen Einfluss auf unsere Erkältung haben diese Mittel aber nicht.

inperspective: Können Gerüche – wohl dosiert eingesetzt – trotzdem positiv auf unsere Gesundheit einzahlen?

Prof. Frasnelli: Spannend ist, dass auf anderen Organen wie der Leber oder den Nieren die gleichen Zellen gefunden wurden, die in der Nase eine Riechfunktion ausüben. Was sie dort in unserem Inneren zu tun haben, und ob Gerüche aus der Luft diese Riechsensoren überhaupt erreichen können, ist noch nicht ausreichend erforscht.

Frasnellis Buch "Wir riechen besser als wir denken" gewann den Wissenschaftspreis "Buch des Jahres" im Themenfeld Medizin und Biologie.

inperspective: Jeder Mensch riecht anders, verknüpft andere Erinnerungen mit bestimmten Düften. In Autos sind sogenannte Wunderbäume beliebt. Die einen mögen sie, andere leiden. Aber gibt es eine Komposition, die fast allen gefällt?

Prof. Frasnelli: Das ist so individuell, dass selbst gemeinhin positiv wahrgenommene Essenzen wie blumige Düfte in einer zu hohen Konzentration als extrem störend wahrgenommen werden können. Wir kennen es aus dem Alltag: Trägt jemand sehr viel Parfüm, mag der Parfümierte diesen intensiven Geruch gerne. Für andere ist das eigentlich wohlduftende schon lästiger Gestank.

inperspective: Nun beschäftigt sich die Architektur mit Farben, mit Licht, mit Ordnung, also visuellen Reizen. Über die Akustik und ihre Auswirkungen wird eifrig geforscht. Sollten sich Architekten auch mehr mit Gerüchen beschäftigen?

Prof. Frasnelli: Gerüche werden in der Architektur nicht völlig ignoriert. Dunstabzugshauben, Ventilatoren, Lüftungsanlagen sorgen dafür, dass unangenehme Dünste abgezogen werden. Besonders Küchengerüche sollen sich nicht in einem gesamten Bereich verteilen – dafür sind entsprechende Anlagen vorhanden. Das Thema wird also von Architekten durchaus bedacht.

inperspective: Während sich die Akustikforschung in Bürogebäuden permanent weiterentwickelt und das rasch, sind "Geruchsinnovationen" in Arbeitswelten rar. Woran liegt das?

Prof. Frasnelli: Gerüche sind schwer steuerbar. Und unsere Sinneswahrnehmung ist noch individueller als beim Lärmpegel. Eine Idee wäre, beispielsweise, den Duft von gerösteten Kaffee im Büro zu verteilen. Der Geruch gilt als sehr positiv behaftet, könnte aber trotzdem andere Mitarbeiter extrem belasten.

inperspective: In der Akustik gilt das Prinzip des weißen Rauschens als Alternative. Übertragen auf die Luft, die wir atmen und riechen: Kann ein dominanter Geruch, der niemanden stört, den Schweißdunst übertünchen?

Prof. Frasnelli: Vor einigen Jahren haben Forscher in einem Fachartikel einen Duft vorgestellt, in dem keine Nuancen merklich durchstachen. Eine Art weißer, neutraler Geruch. Ich finde es aber gefährlich, wenn wir bestimmte Ausdünste mit anderen Kreationen abdecken wollen. Es gibt sehr intensive Mittel wie Febreze, die genau das tun. Manche finden sie angenehm, andere überhaupt nicht.

inperspective: Was können Unternehmen stattdessen tun, um Geruchsbelästigungen für Mitarbeiter zu vermeiden?

Prof. Frasnelli: Wir müssen Geruchsquellen reduzieren und signifikante Konzentrationen ausschließen. Büroräume müssen gut belüftet sein, Gestank von verbranntem Öl aus der Kantine muss abgesaugt werden, sonst lenkt er unterbewusst ab. Umso resoluter wir hoch konzentrierte Gerüche vermeiden, desto wohler fühlen sich die Raumnutzer.

inperspective: Was würden Sie noch für ein "Geruchskonzept" empfehlen: Braucht es Hygieneregeln für Mitarbeiter oder automatisierte Lüftungssysteme, die regelmäßig die Fenster öffnen?

Prof. Frasnelli: Alles, was mit Körpergerüchen zu tun hat, ist sehr persönlich und mit Tabus behaftet. Wir dürfen einem Kollegen sagen, dass Petersilie zwischen seinen Zähnen klebt, aber nicht, dass er Mundgeruch hat. Hygieneregeln, die für alle gelten, könnten daher sinnvoll sein. Ich weiß aber nicht, inwieweit das in die Persönlichkeitsrechte eingreifen würde. Automatisierte Lüftungssysteme existieren ja schon, aber wie sie Gerüche reduzieren können, wird dabei noch nicht ausreichend berücksichtigt.

inperspective: Nimmt die Raumtemperatur auch Einfluss auf die Geruchskulisse, also können hohe Temperaturen die Duftmoleküle verändern?

Prof. Frasnelli: Grundsätzlich werden bei höheren Temperaturen mehr der flüchtigen Duftstoffe aus der Geruchsquelle freigesetzt. Es riecht daher stärker in warmen Räumen.

inperspective: Empfinden wir einen Raum als weniger harmonisch, wenn sich unsere Sinne widersprechen? Wenn wir in ein Büro-Loft in einer alten Fabrikhalle gehen, es dort aber riecht wie in der sommerlichen Provence.

Prof. Frasnelli: Der Geruch gehört wie die Akustik zur Signatur eines Raumes. Er bestimmt das Raumklima mit und damit auch unser Empfinden. Und wie bei der Akustik oder der Beleuchtung nehmen wir manches nur wahr, wenn es als unangemessen und störend erscheint. Also ein akustischer Eindruck beispielsweise nicht zum visuellen Ort passt. Ich kann Unternehmen nur davon abraten, Gerüche gezielt überdosiert einzusetzen und die Duftkulisse zu manipulieren. Irgendjemand wird sich am eingesetzten Aroma massiv stören und sich bemerkbar machen. Wer zu stark experimentiert, wagt sich auf ein Minenfeld.

inperspective: Zitrusdüfte suggerieren angeblich Sauberkeit, weil viele Reinigungsmittel danach riechen. So könnten Unternehmen ihre Büros noch reinlicher wirken lassen.

Prof. Frasnelli: Das kann in einem wohldosierten Maß funktionieren. Aber sobald die Konzentration zu hoch ist oder von einer sensiblen Nase gerochen wird, verkehrt sich das Empfinden ins Negative.

inperspective: Kann man Gerüche in feinen Nuancen gezielt einsetzen, um die Stimmung von Menschen zu verbessern, sie konzentrierter, kreativer und damit produktiver zu machen?

Prof. Frasnelli: In Japan hat man vor Jahren herausgefunden, dass Sekretärinnen, die Pfefferminzaromen ausgesetzt wurden, schneller tippen konnten. Pfefferminze macht produktiver, hieß es damals. Das Problem ist: Wir wissen nicht, ob das für alle gilt. Und auch nicht, warum eine Essenz manche effektiver macht. Bei einem so sensiblen Thema sollten wir die Hintergründe besser verstehen lernen, ehe wir etwas Unerforschtes zur Optimierung einsetzen.

inperspective: Mit Gerüchen könnten wir uns individuell auf die Arbeit einstimmen.

Prof. Frasnelli: Wenn wir besser einschlafen, wenn unser Kopfkissen nach Lavendel duftet, spricht nichts dagegen, das Kissen zu aromatisieren und auf Reisen mitzunehmen. Aber in einem Raum, in dem viele verschiedene Nasen und Sensibilitäten riechen, kann das, was mir nützt, anderen schaden. Sogar dann, wenn wir Gerüche toll finden, können sie uns ablenken und an der Arbeit hindern. Zum Beispiel, wenn wir Lavendel riechen, und an das Parfüm einer verflossenen Liebe denken müssen. Es kann also auch zu gut in den Räumen riechen.

inperspective: Gibt es eine Geruchskulisse, die Sie besonders inspirierend finden?

Prof. Frasnelli: Ich rieche Nadelbäume sehr gerne. Aber ich brauche Internet für meine Arbeit. Das habe ich im kanadischen Wald nicht.

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