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Ein Artikel aus der Episode #11Appreciation

"Raum und Akzeptanz"

Ines Lege setzt bei ihren Office Designs auf vielseitige Nutzungsmöglichkeiten.

Können Arbeitsumgebungen dafür sorgen, dass sich Kollegen häufiger wertschätzen und zwischenmenschliche Barrieren in den Büros verschwinden? Ein Panel mit den Architektinnen Ines Lege und Inga Ganzer.

von Hannes Hilbrecht

Demenz ist eine Volkskrankheit. Jedes Jahr erkranken in Deutschland etwa 300.000 Menschen, vorwiegend Personen höheren Alters. Insgesamt leben hierzulande schätzungsweise 1,7 Millionen Patienten mit den Symptomen dieser Krankheit. Frauen sind prozentual häufiger betroffen als Männer. Doch in der Demenzforschung beschäftigten sich Wissenschaftler lange Zeit vor allem mit dem Erkrankungsverlauf bei Männern. Frauen sind noch immer in Studien unterrepräsentiert. Dabei sind die medizinischen Unterschiede zwischen weiblichen und männlichen Organismen hinlänglich bekannt. Was ein Mann medikamentös gut vertragen kann, ist für eine Frau unter Umständen gefährlich.

Passieren ähnliche Ungerechtigkeiten auch in der Büroplanung und bei der Produktion von Büromöbeln? Werden auch in diesem Bereich die Geschlechter ungleich behandelt? Wir haben Ines Lege und Inga Ganzer zum Panel geladen – und erörtern mit den renommierten Architektinnen Fragen, die wir uns zu selten stellen.

Inga Ganzer ist Gründerin und Partnerin des Berliner Architekturbüros raumdeuter. Die Innenarchitektin lehrte an Hochschulen in Berlin, Dessau und Boston. Mit inperspective hat sie bereits über Effizienz gesprochen.

Ines Lege steht mit ihrem Büro ONWS für moderne Arbeitswelten und schlaue Kompromisse zwischen Design und Funktionalität. Die Berlinerin schrieb bereits über das Thema "Zukunft der Arbeitswelt" für inperspective.

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inperspective: In der Medizinforschung war es lange üblich, dass Medikamente häufig primär für den männlichen Organismus entwickelt und getestet wurden. Wie bewertet ihr das bei Office Designs und Büromöbeln – werden individuelle Bedürfnisse von Männern und Frauen hier ungleich behandelt? Und was würdet ihr euch speziell beim Thema "Gleichberechtigung" von den Herstellern wünschen?

Inga Ganzer: Aus meiner Marktkenntnis kann ich nicht sagen, dass aus Männersicht gestaltet wird. Manchmal finden wir Sitzmöbel, die kleinere Körpergrößen weniger beachten oder die Mechanismen an Bürostühlen passen (vereinzelt) nicht so ganz für leichtere Personen. Das betrifft aber alle Geschlechter. Spätestens seit dem "neue Arbeitswelten" mit Wohngefühl und Lounge-Effekt gefragt sind, ist gestalterisch in alle Richtungen viel möglich.

Ines Lege: Ich muss gestehen, dass ich das bisher noch nicht so bei Herstellern nachgefragt habe. Ich persönlich kann keine Unterschiede in den Bedürfnissen bei der Nutzung von Räumen und Inventar hinsichtlich Geschlecht erkennen. Es ist auch noch nie ein Kunde oder eine Kundin mit so einer Fragestellung auf uns zugekommen. Die meisten Bedürfnisse variieren von Mensch zu Mensch, nicht von Geschlecht zu Geschlecht.

Inga Ganzer (l.) führt mit ihrer Geschäftspartnerin Juliane Moldrzyk das Büro raumdeuter.

inperspective: Haben Männer und Frauen unterschiedliche Ansprüche an einen Arbeitsplatz?

Inga: In unserer täglichen Arbeit ist uns bisher nichts Plakatives aufgefallen. Alle Kunden haben individuelle Vorstellungen und Ansprüche, die uns bislang nicht als typisch männlich oder weiblich erschienen. Auch im Hinblick darauf, ob Mitarbeiter in die Gestaltung einbezogen werden, agieren Führungskräfte unabhängig vom Geschlecht unterschiedlich.

Ines: Auch da kann ich keine geschlechtsspezifischen Unterschiede benennen. Der eine mag ein Grundrauschen im Raum, die andere braucht absolute Stille. Der eine schätzt viele, große Pflanzen, die andere hasst Staubfänger. Manche wechseln gerne den Platz, andere haben lieber einen festen Tisch, wo sie Persönliches aufstellen können. Die Vielfalt an Bedürfnissen und Vorlieben ist unabhängig vom Geschlecht extrem groß. Dazu kommt die Frage, was die Person genau tut. Ob sie oder er permanent am Arbeitsplatz ist oder viel unterwegs, ob sie häufig kommuniziert oder eher viele Stunden am Stück nur für sich arbeitet. Ob jemand viele unterschiedliche Aufgaben wahrnehmen muss oder lange Zeit lediglich mit einem Projekt beschäftigt ist. Und diese Vielfalt nimmt zu. In Zukunft braucht es noch mehr Flexibilität, da die Bedeutung des Ortes Büro sich weiter verändern wird. Wir planen daher im Idealfall eine möglichst große Vielfalt an Nutzungsmöglichkeiten mit unterschiedlichen Möbeln und Atmosphären. So können alle Mitarbeiter*innen je nach Bedürfnis ihre Umgebung auswählen oder den Ort für die notwendige Nutzung anpassen.

inperspective: Was können Arbeitsumgebungen dafür tun, damit Menschen in den Arbeitswelten besser miteinander umgehen, sich mehr gegenseitig wertschätzen und niemand abgehängt wird?

Inga: Gestaltung und Raumaufteilung sollte Mitarbeitern nicht unkommentiert aufgedrängt werden, vor allem nicht, wenn sie den persönlichen Raum der Arbeitenden einschränkt. Rückzugsmöglichkeiten und Privatsphäre sind wichtig. Gleichzeitig aber müssen inhaltlich und räumlich Transparenz und Raum für Kommunikation vorhanden sein. Das ist eine herausfordernde Balance, die Planende nicht allein klären können, sondern die Entscheider in den Firmen mittragen und bewusst erkennen sollten. Barrierefreiheit in möglichst breiter Aufstellung (nicht nur Rollstuhlgerechtigkeit) sollte Standard sein.

Ines: Für mich macht es keinen Sinn, irgendwo nach Geschlecht zu differenzieren, genauso wenig wie nach Gehaltsklasse, da das eher trennt und nicht vereint. Wichtig ist, dass Gleichberechtigung und Gleichbehandlung in allen Bereichen gelebt wird, am Arbeitsplatz wie in der Gesellschaft. Das heißt, dass allen die gleichen Orte im Büro zur Verfügung stehen müssen und sich die Ausstattung daran orientiert, was jeder braucht, um die Aufgaben bestmöglich zu erfüllen. Das schließt den Raum, die Möbel und die Hard- und Software gleichermaßen ein. So bekommen alle die gleichen Möglichkeiten, sich zu entwickeln, zu entfalten, Talente zu erkennen und letztendlich auch für die Firma immer wichtiger zu werden. Wertschätzung darf sich nicht auf die Gehaltsklasse reduzieren. Oder darauf, wer den größeren Schreibtisch oder den teureren Bürostuhl hat. Das passt eh nicht mehr in unsere Zeit. Wer mehr Verantwortung trägt und oft vertrauliche Gespräche führt, sollte die Möglichkeit haben, sich zurückzuziehen, was durchaus auch bedeuten kann, dass einzelne Personen ihr eigenes Büro bekommen. Dann ist das für alle nachvollziehbar und keiner wird das als unfair empfinden.

Einen Menschen "Wert zu schätzen" bedeutet, ihn mit all seinen Stärken und Schwächen zu akzeptieren. Unternehmen leben von der Vielfalt an Fähigkeiten, Persönlichkeiten und Leistungsbereitschaften. Ein Beispiel: Extrovertierte und introvertierte Menschen haben unterschiedliche Anforderungen an ihre Arbeitsumgebung. Dem Extrovertierten liegt das tägliche Bad in der Menge, die ständigen Meetings und Präsentationen vor großem Publikum. Für Introvertierte gilt das nicht unbedingt. Dabei können Führungskräfte besonders von Introvertierten oft überdurchschnittliche Leistungen erwarten. Viele Erfindungen und Innovationen gehen auf ihr Konto. Ohne die Steve Wozniaks wären die Steve Jobs dieser Welt verloren. Aber ein Introvertierter benötigt dafür den entsprechenden Raum und die Akzeptanz seiner Chefs und Kollegen. Arbeitsumgebungen sollten daher im Ideal immer die unterschiedlichen Bedürfnisse ihrer Nutzer berücksichtigen.

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